Zwei Gedanken zum Thema “Flüchtlinge”.

Den Wert der Menschenrechte erkennen wir erst, wenn sie gefordert sind.

Wenn man den Umgang Europas mit den Flüchtlingen anguckt, kann einem ja eigentlich nur Verzweiflung kommen. Darüber, dass die Erklärung der Menschenrechte offenbar allen Wert verloren hat – in unserem Teil der Welt, den wir gemeinhin als besonders aufgeklärt und fortschrittlich angesehen haben. Ich kann wärmstens empfehlen, den Text mal kurz zu lesen. Er ist nicht lang. Aber er macht sehr deutlich, was zu tun ist. Hier nur auszugsweise:

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen. (…)

Jeder hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen.

Insofern müsste jedem, der sich hier in Europa als zivilisierter Mensch begreift – als Teil der Gesellschaft, die für sich den Anspruch erhebt, dass wir die Lektionen aus dem dritten Reich gelernt haben und in fortschrittlicher Weise miteinander umgehen wollen – glasklar sein, was zu tun ist. Wir müssen uns den Flüchtlingen zuwenden und ihnen helfen. Alle, die wir in der sogenannten westlichen Wertegemeinschaft leben.

Aber vielleicht ist Verzweiflung die falsche Reaktion. Vielleicht brauchen wir eher rationale analytische Schärfe. Und diese muss uns klarmachen: Wir sind in den letzten mehr als 60 Jahren in Europa einer Illusion aufgesessen. Der Illusion, dass die Menschenrechte und die zivilisatorischen Ideale von Brüderlichkeit in unseren Staaten angekommen und integraler Bestandteil unserer Gesellschaften geworden seien. Anders gesagt: Die Europäer sind wilder, unzivilisierter, rückständiger, unmenschlicher als wir es all die Jahre von uns gedacht haben. Wir lagen schlicht falsch mit unserer Idee von uns selbst in Europa.

Menschenrechte sind dann genehm, wenn sie Teil von Sonntagsreden sind, weil alles irgendwie mehr oder minder in Ordnung zu sein scheint. Bei einem Brunch an einem sonnigen Tag unter Freunden darüber zu dozieren, dass wir aufgeklärt sind, die Menschenrechte achten, und in Europa in einer zivilisierten Welt leben, fällt immer dann leicht, wenn man genau dieses nicht beweisen muss, sondern wenn man es einfach behaupten kann.

Aber wehe, unsere Werte und unsere Worte werden auf die Probe gestellt. So wie jetzt.

Nun zeigt sich, wer nur Schönwettermenschenrechtler ist. Und wer es ernsthaft von sich behaupten kann, weil er den Arsch in der Hose hat anzuerkennen, dass die Achtung der Menschenrechte auch etwas abverlangt. Von einem Menschen. Von einer Stadt. Von einem Land. Von einer Gesellschaft. Jetzt zeigt sich, wer ernsthaft stolz sein kann auf unseren zivilisatorischen Vorsprung, weil er verstanden hat, dass das Ausstrecken der Hand keine Alternative kennt, wenn man Mensch sein will. Und wer dagegen in unreflektierter blinder Wut doch nicht viel mehr ist als ein Raubtier, das instinkthaft sein Territorium zu verteidigen sucht.

Die Menschenrechte zu achten ist anstrengend. Wenn sie gefragt sind, erfordert es Mühe. Anpassung. Arbeit. Umstellung. Verzicht.

Und was ist die Konsequenz? Wir müssen den Kampf für die Menschenrechte wieder aufnehmen. Wir müssen die Illusion abstreifen, dass in Europa Zivilisation und Menschlichkeit Grundfeiler unserer Gesellschaften sind.

Wir brauchen weiter und wieder den Kampf für die Menschenrechte. Jeden Tag. Heute mehr denn je.

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“Aber es können doch nicht alle zu uns kommen.”

Vor einigen Tagen hörte ich, wie jemand über das Thema Flüchtlinge sprach:

Es gibt auf der Welt ungefähr sieben Milliarden Menschen, denen es schlechter geht als uns. Die können doch nicht alle hierher kommen.

Ich habe die Befürchtung, dass viele Leute bei der Auseinandersetzung mit den Flüchtlingen hierzulande solche und ähnliche Dinge denken. Drei Dinge daran sind gedankenlos, naiv und gefährlich:

Erstens, die These, dass es bei all diesen Menschen auch nur ansatzweise die Neigung geben könnte, zu uns kommen zu wollen, ist erstaunlich naiv in ihrer Unkenntnis dessen, was Menschen wirklich antreibt.

Zweitens ist sie grandios in der Überschätzung der Attraktivität unseres Landes.

Und drittens ist sie enorm gefährlich in ihrer quasi fanatischen Polemik.

Menschen wollen zu einem überwältigenden Teil in ihrer Heimat leben. Menschen wollen unter Menschen sein, die so sprechen wie sie, sich so kleiden wie sie, so essen und so denken wie sie. Solange sie diese Möglichkeit haben, werden sie in dieser Weise leben – koste es, was es wolle. Denn nur ein solches Leben stiftet für die meisten Menschen einen Sinn. (Neugierige Vagabunden und Menschen, die sich überall auf der Welt zuhause fühlen, klammere ich aus – um diese Minderheit soll es hier nicht gehen.) Nur dann, wenn es wirklich um Leben und Tod geht, wenn der Krieg und die Zerstörung oder aber die bittere Armut keine Alternative zulassen, werden sie sich in die Fremde aufmachen.

Zweitens, wie kann man auf die Idee kommen, dass unser Land, mit seiner Kälte, seinem Regen, seinem besonderen Essen und seinen skurrilen Mentalitäten, seiner knappen Küste, seiner ganzen eigenen Art, für Menschen auf der ganzen Welt als Heimat anziehend sein soll?

Und drittens, wenn die Idee, dass sieben Milliarden Menschen sich dafür interessieren, in unser Land zu kommen, so eindeutig absurd ist, warum sagt dann dieser Mensch – eine gebildete gut situierte Person – so einen Satz, der dem Flüchtlingsthema eine fatale Dramatik gibt, die – sofern man dem Gedanken denn folgt – zu extremen Reaktionen und zwangsläufig zu irrationaler Angst führen muss? Ist es Fahrlässigkeit?

Der das sagte, ist ein kluger Mann, der seit Jahren Erfolg in seinem Beruf hat. Für ihn wäre eine drastische wirtschaftliche Verbesserung seines Lebens mittels Auswandern durchaus denkbar: er könnte das Geld nehmen, das er hat, und damit in ein Land ziehen, in dem er sich mit einem Euro das Hundertfachte davon kaufen könnte, was er hier dafür bekommt. In manchen Ländern dieser Welt könnte er leben wie ein König, der nie wieder arbeiten muss. Aber natürlich käme er nie auf die Idee, das zu tun. Denn hier hat er seine Wurzeln. Seine Familie. Seine Geschichte.

Warum also vermutet er, dass alle anderen leichtfertig auf der Welt auf die Idee kämen, all das aufzugeben, nur um in ein Land zu ziehen, das ihnen fremd und unheimlich ist?

Er hat eine Familie. Ist ihm nicht klar, dass die Familienväter, die sich in wackeligen Booten ins Mittelmeer werfen, um irgendeinen Ausweg zu finden, um ihrer Familie wieder irgendeine Hoffnung zu geben, am letzten Ende ihrer Weisheit angekommen sind? Wäre er in ihrer Lage, würde er nicht genau das Gleiche tun, was diese Männer tun?

Ich verstehe nicht, warum Menschen bei Fremden so oft so deutlich sonderbarere Motive vermuten als bei sich selbst.

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Die Ironie

Das seltsam Ironische an meinem Text ist, dass der zweite Teil eine Erklärung für den ersten Teil gibt. Denn wie gesagt: Menschen tun alles dafür, um unter denen zu leben, die so sprechen wie sie, sich so kleiden wie sie, so essen und so denken wie sie – koste es, was es wolle. Entsteht nun die Ausnahmesituation, in der fremde vertriebene Menschen auf der Flucht zu uns kommen und andere Sitten, Lebensweisen, Hautfarben mitbringen, wird klar, wieviel genau der rücksichtslose Erhalt der bequemen Gleichartigkeit meiner Mitmenschen kostet. Er kostet die Achtung der Menschenrechte – sie werden geopfert, damit wir uns wieder bequem “unter uns” fühlen können.

Und so besteht der Unterschied zwischen den Fliehenden und den bereits hier Ansässigen einzig und allein darin, dass letztere einfach nur Glück hatten. Nichts sonst.

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