Zuwanderung, Gutmenschen und Sozialdarwinismus.

Eben hatte ich einen interessanten Austausch auf Twitter – es begann damit, dass mir eine Reihe Tweets von Marc Uhlig auffielen, die ich einfach nicht unkommentiert lassen konnte. Daraufhin entspann sich ein Austausch, der mir zumindest gezeigt hat, dass man auf Twitter über 140 Zeichen Zwischenruf durchaus auch eine Art Auseinandersetzung führen kann. Ich hatte eben noch die Möglichkeit, die Tweets zusammenzukopieren – vielleicht ja interessant für den einen oder anderen. Und wer mag, kann in den Kommentaren gern noch weiter diskutieren. ;)

Marc Uhlig: “Sarrazin ist die Rache des Wohlstandsbürgers” http://is.gd/fgPoX – boah spiegel, du nervst mit deinem gutmenschengeschwaetz…

http://bit.ly/90wIdk “Die schlechte Nachricht: Es gibt Umfragen, denen zufolge 18 Prozent eine Partei unter Thilo Sarrazin wählen würden”

…wuerde ich mir auch ueberlegen und bin ganz bestimmt nicht rechts und auch nicht konservativ.

…bin allerdings gegen weichspuelpolitik und gutmenschendenken, und fuer leute die sich trauen auch mal die unbequeme wahrheit zu sagen.

http://bit.ly/9rCRLf “Der Ausweg: mehr Zuwanderung” – wie waers mit mobilisierung derjenigen die noch keinen job haben?

wann kappiert otto normaloekonom endlich, dass fachkraefte nicht zuwandern werden… warum sollten sie denn…

Martin Oetting: Du würdest jemanden wählen, der Migranten und “der Unterschicht” pauschal weniger Intelligenz und weniger Wert zuspricht? Krass.

Und wenn die Fachkräfte nicht zuwandern, dann sieht’s bald düster aus: http://bit.ly/9JiR9c

In den USA wandern Fachkräfte mit Vollgas zu. Wie verrückt, grade aus Asien. Und das soll bei uns nicht gehen? Warum?

Auch unser Land ist eine attraktive Adresse, wären wir nicht so zuwanderungsavers. Und dass Bevölkerung schrumpft, steht fest.

Marc Uhlig: der mann [Sarrazin] ist halt alles andere als ein guter redner…

ich kenn den artikel [zu Zuwanderung] und halt ihn fuer bloedsinn. das problem haetten wir, wenn wir vollbeschaeftigung haetten.

in den usa verdient man mehr geld, und zahlt weniger steuern. warum also sollte irgendwer nach deutschland kommen?

und das mit weniger intelligenz ist eigentlich nicht wirklich kernaussage des buches. mal gelesen?

in den usa verdient man mehr geld, und zahlt weniger steuern. warum also sollte irgendwer nach deutschland kommen?

uebrigens zahlen auch unternehmen weniger steuern. und es gibt keinen kuendigungsschutz. dann kann man natuerlich auch mehr zahlen.

welchen vorteil bietet deutschland denn jemanden, der eh keine probleme hat nen job zu finden?

Martin Oetting: Es sind doch nicht allein die extrem wirtschaftsliberalen Zustände, die ein Land für Einwanderung attraktiv machen.

Marc Uhlig: sondern? das setzen viele mit freiheit gleich…

[zu Sarrazin:] du berufst dich also auch nur auf das, was in presse so hochgepuscht wurde… na ja, die aussage war ohne zweifel dumm…

Martin Oetting: Ob das mit “weniger Intelligenz” die KERNaussage ist, finde ich nicht so wichtig. Als Aussage per se ist sie inakzeptabel.

Steht die Aussage drin im Buch? Egal, was die Presse sagt – wer sowas sagt, steht brutal in Konflikt mit dem Grundgesetz. #würde

Marc Uhlig: die andern 99 aber nicht. und ohne waere es doch zu dieser diskussion gar nicht gekommen…

Martin Oetting: Mit menschenverachtenden Äußerungen PR zu machen, um “andere Thesen” zu pushen, ist meiner Ansicht nach das Allerletzte.

Marc Uhlig: hat er gar nicht, er hat nur unueberlegterweise einen dummen satz losgelassen, der dann von presse aufgegriffen wurde.

Martin Oetting: “unueberlegterweise einen dummen satz losgelassen” – das glaubst Du doch nicht im Ernst? Das ist ein PR-Profi.

Marc Uhlig: hast du den mal bei den diskussionsrunden beobachtet? der ist ganz sicher kein pr-profi.

Martin Oetting: Der hat in den letzten Jahren so oft getestet, welche Aussagen welche öffentliche Reaktion erzielen … Das glaube ich nicht.

Weil einer in Talkrunden nicht gut ist, heißt das doch nicht, dass er nicht PR kann? Dich hat er ja schon mit der Naiv-Nummer. ;)

Marc Uhlig: na ja, da muesste ich mich schon schwer taeuschen, kann ja sein, glaub ich aber nicht…

und jetzt reden wir wieder nur ueber diesen einen punkt…

Martin Oetting: Wegen Einwanderungsland: solange Du nicht glaubst, dass D attraktiv ist (egal für wen), gibt’s ja in der Politik genug zu tun. :)

Marc Uhlig: da hast du sicher recht. nur wie man sieht: unsere weichspuelpolitiker haben gar nicht den mut ernsthaft was anzupacken.

Martin Oetting: Prinzipiell gebe ich Dir recht. Allerdings redest Du abfällig über “Gutmenschen”. Insofern weiß ich nicht, wie Du das meinst …

Marc Uhlig: bezieh mich dabei auf die aeltere auslegegung. jemand mit schoenen theorien, die mit der praxis nur leider nichts zu tun haben.

Martin Oetting: Das ist eine kipplige Angelegenheit. Ob eine Theorie mit der Praxis nichts zu tun hat, kann man oft vorher nicht wissen.

Marc Uhlig: oft lehrt es aber die erfahrung. nehmen wir zb den kommunismus. tolle vorstellung. hat nur leider noch nie funktioniert.

und warum? weil sie unserer natur widerspricht. jeder konkurriert mit jedem. da unterscheiden wir uns kaum vom tierreich.

und solche gesetze treten nur dann ausser kraft, wenn sich eine kleine gruppe dadurch einen vorteil verschaffen kann.

liegt eben in unseren genen. so funktioniert evolution. aber gutmensch hat das eben immer noch nicht verstanden.

Martin Oetting: Wenn Du den Kommunismus bemühen musst, um Ablehnung von Gutmenschen zu begründen … Das ist ja mal krasses Übereinenkammscheren.

Sozialdarwinismus ist auch so eine Theorie, die mit der Praxis möglicherweise nichts zu tun hat. Davon hast Du selbst gesprochen.

“liegt eben in unseren genen” ist mir aber als empirischer Beweis ein wenig zu dünn. Wie gesagt – Theorie.

Marc Uhlig: hab nur versucht ein sehr eindeutiges beispiel zu liefern, natuerlich sind nicht alle gutmenschen kommunisten.

Martin Oetting: Wenn Du Dich als Raubtier siehst, das in feindlichem Umfeld um’s Überleben kämpft … Bitte. Aber zwing das nicht allen auf.

Marc Uhlig: nun ja, du glaubst also wir funktionieren grundlegend anders als tiere?

Martin Oetting: In der Tat.

Marc Uhlig: ich glaub ein grossteil unseres “freien” willens ist so frei gar nicht… wissenschaft sieht das aber wohl aehnlich…

Martin Oetting: Sage gar nicht, dass es freier Wille ist. Aber tausende Jahre Kulturgeschichte prägen uns als Teil des sozialen Systems.

Marc Uhlig: aha… weil das so in der bibel steht?

Martin Oetting: In der Bibel steht, dass wir durchzogen sind von den Regelwerken unserer sozialen Systeme? Verrückt. Muss ich mal lesen! ;)

Marc Uhlig: was sind denn bitteschoen tausend jahre?

Martin Oetting: Sagen wir 6.000. Genug Zeit, um uns zu sehr komplex in Regelwerke und gegenseitige Abhängigkeit eingebundene Wesen zu machen.

Kommentare

  1. Hallo ihr 2!Ich habe eure Diskussion via Twitter verfolgt. Und ich muss euch beiden rechtgeben. Sarrazin ist ein PR-Profi, auch wenn ich nicht glaube das er sich dessen wirklich bewusst ist. Er weiß aber sehr genau, mit welchen Aussagen er Buzz erzeugen kann. Dass diese nicht gerade gesellschaftskonform sind, ist ja schon länger bekannt. Recht hat er bei vielen Aussagen aber schon. Integration war und ist in Deutschland ein Problem. Man kann nur hoffen, dass sich alle die sich über Sarrazin aufgeregt haben, nun auch Lösungsansätze finden. Dies bezweifle ich allerdings.Die USA sind ein gute Zuwanderungsland für Fachkräfte. Hier gebe ich Marc gern recht. Das nicht alles eitel Sonnenschein ist, ist klar. Ist es bei uns ja auch nicht.Lange Rede, kurzer Sinn: Die Politik MUSS sich nun endlich mit der Problematik auseinandersetzen. Auch wenn vieles an diesem Thema unpopulär ist.

  2. Martin, ob sich die armen meinungsunterdrückten Focus-Fans der “dummen” Ironie bewusst sind, dass sie mit dem “Gutmensch” den totesten aller toten Hunde prügeln, den erledigsten aller “erledigten Fälle” (Titanic)… Und haben diese Sarrazin-Claqueure die beiden luziden “Wörterbücher des Gutmenschen” von Bittermann, Droste und Henschel überhaupt GELESEN, wo nicht deren aufklärerische, komische und satirische Sprach- und Ideologiekritik auch nur ansatzweise verstanden? Ende der rhetorischen Frage.

  3. Ich mag mich ja eigentlich nicht an dieser Sarrazin Debatte beteiligen, aber einen Punkt möchte kurz erwähnen. In meinen Augen sind es nicht die Migranten, die sich nicht in die Gesellschaft integrieren, sondern die deutschen Spießbürger. Wer sich nach Feierabend in sein feines Eigenheim zurückzieht und meist nicht weiß, wie seine Nachbarn heißen, ist für mich nicht integriert. Ich habe jedenfalls viele Freunde mit Migrationshintergrund. Viele von ihnen werden, obwohl sie hier geboren sind und perfekt deutsch sprechen, als Bürger zweiter Klasse behandelt. Ich glaube daher nicht, dass Sarrazins Buch ein gelungener Beitrag zur Integrationsdebatte ist, sondern eher dazu beiträgt, dass die Vorurteile vieler Menschen gegenüber Migranten bestätigt werden. Übrigens möchte ich selbst als Deutscher nicht in einem Land leben, in dem so ein armer Mann wie Sarrazin solche Zustimmung bekommt.

  4. lieber gerald fricke, sehr schoen, wohl im fremdwoerterlexikon geblaettert und sich beim schreiben ihres kommentars die hosen nass gemacht? ich empfehle ihnen eine karriere in der politik, da schwingt man auch gerne grosse reden ohne was zu sagen und klopft sich dafuer noch selbst auf die schulter. auch ich finde titanic uebrigens hin und wieder sehr spassig, habe deren regelmaessige lekture allerdings so vor etwa 10 jahren eingestellt. ich nehme an wir koennen getrost davon ausgehen, dass sie in der tat von rein gar nichts eine ahnung haben? ende der rhetorischen frage.lieber @valuzzz, ich bin mir nicht sicher ob das angekommen ist: ich bin ganz sicher weder rechts, noch konservativ, habe selbst freunde mit migrationshintergrund, habe selbst lange jahre im ausland gelebt, und habe ausserdem geschaeftspartner auf der ganzen welt in der ich auch reichlich unterwegs bin, falle also ganz sicher nicht in die kategorie deutsche spiessbuerger. aber ich finde es sehr blauaeugig zu behaupten es gaebe bei uns kein problem, und vor sarrazin gab es doch diese debatte ueberhaupt nicht, insofern hat er sehr wohl einen wichtigen beitrag geleistet. bevor man den mann verurteilt sollte man das buch vielleicht auch mal lesen, anstatt sich einfach blind auf den spiegel journalismus zu verlassen.

  5. Mir dünkts, der Marc war vielleicht ein wenig zu lange in den USA, wo die Welt heute immer mehr in etwas vereinfachter, verallgemeinernder Form funktioniert. Alles etwas mehr Schwarz/Weiß und nur die starken kommen durch, ob es nun verdient oder durch pure Abgruende des Kapitalismus ist, wie man so haeufig am Beispiel der Großbanken sieht.Sarazin, ob er nun oeffentliche Reden gut halten kann oder nicht, hat den Zeitgeist sehr gut erfasst und die “richtigen” Formulierungen an die richtigen Stellen gepackt. Es ist nicht schwer aus zu rechnen, was die Medien aufgreifen werden und wer sowas verhindern moechte, der positioniert das Ganze nicht so eloquent (wirklich, eine Pressekonferenz, die von allen Sendern aufgegriffen worden ist keine Inszenierung?). Was den Sozialdarwinismus anbetrift, so bin ich immer wieder erstaunt, wie viele Menschen in der Gesellschaft nicht dazu in der Lage sind auch die positiven Aspekte unserer Errungenschaften zu sehen. Bei dir, Marc, kommt da die Schwarz-Weiß-Sicht aus den USA mit dem großartigen, deutschen Grundpessimismus zusammen. Der Punkt ist naemlich: es ist gut, dass wir uns “Gutmenschentum” leisten koennen. Dies ist der Fortschritt, den wir eigentlich haben wollen. Eine Gesellschaft, die sich sowas leisten kann, ist eine Gesellschaft, die sozialer und ausgeglichener ist – etwas, was die USA in keinster Weise von sich behaupten koennen. (Damit will ich die USA nicht komplett “schlecht” machen, es gibt vieles was ich an dem System beneide aber ich bin auch nicht so illusorisch zu glauben, dass man in einer Gesellschaft, die nur Top oder Hop kennt, nicht auch den Preis zahlen muss. Ein Land, welches immer noch keine richtige medizinische Versorgung fuer alle seine Buerger, auf einem einigermassen ausgeglichen Niveau, gewaehrleisten kann, muss mir nicht bei bringen, wie man lebt.)

  6. lieber Igor,du hast recht, man merkt mir sicherlich an, dass ich viele jahre in den usa gelebt habe, das mag und kann ich nicht bestreiten, und genau das wird mir auch in meinem freundeskreis gerne unter die nase gerieben. marc der kapitalist. touche.ich persoenlich betrachte das allerdings eher als vorteil, ich haette mich naemlich davor eher links eingeordnet, aber nachdem ich die erfahrung gemacht habe, dass man sich auch durchaus selbst durchboxen kann, sehe ich heute doch so einiges anders. und manche dinge werden einem eben erst klar, wenn man sie mal mit etwas abstand betrachtet. zum beispiel was im eigen land so alles falsch laeuft. eigenverantwortung scheint vielen meiner lansdleute leider gaenzlich abhanden gekommen zu sein, es sind immer die anderen, der staat, oder die gierigen manager oder boesen banker schuld (was zugegebernerweise ja hin und wieder sogar mal den tatsachen entspricht). und genau das wird unsere gesellschaft frueher oder spaeter noch teuer zu stehen kommen.jetzt zu deinen anderen punkten: wo bitte ist der vorteil, wenn man sich gutmenschen leisten kann, wieso wollen wir sowas? gutmensch hat meiner meinung nach alles andere als einen positiven einfluss auf unsere gesellschaft, gutmensch weigert sich schlicht und einfach der realitaet ins auge zu schauen und entsprechende konsequenzen zu ziehen. von wegen gesundheitssystem in den usa, wenn man sich mal anschaut wie sich unser system in den letzten 30 jahren veraendert hat und noch mal weitere 30 jahre in die zukunft denkt… na ja, jeder kann diesen gedanken wohl selbst zu ende fuehren… das problem liegt auf der hand: das system ist dauerhaft schlicht und einfach nicht finanzierbar. was meine absicherung ueberm teich betrifft, die hat mich genausoviel gekostet wie jetzt hier. insofern wuerde ich jetzt nicht behaupten, dass da bei uns irgendetwas besser laufen wuerde.

  7. Klasse Diskussion mit sehr viel Inhalt (außerGerald )…Traue mich garnicht richtig dazu etwas zu schreiben bis auf eines… Entweder sind die Menschen Gegen Sarrazin oder Für, aber ich finde das er mit dieser Sache endlich einen großen Stein ins rollen gebracht hat, den die Politik lange lange verschleiert hat. Aus Angst-Entscheidungen zu treffen die ihnen Wählerstimmen kosten könnte!!Ist die Politik dazu da Probleme zu erkennen/lösen/vorzubeugen oder einen Ball einfach nur ans rollen zu halten?? Mich stört als Bürger diese ständige Bauernfängerei per Gesetz und alle machen mit??Politiker sollten& müßen auch mal DInge beim Namen nennen auch wenn sie unschön sind! Außerdem habe ich gelernt mir niemals einen Schuh anzuziehen der mir nicht gehört, also frage ich mich, weshalb sich so viele angesprochen fühlen?Ich bin Deutsch und habe bis heute noch nichts geschenkt bekommen (übrigens Jg.78) wieso also muß ich arbeiten gehen und Steuern/Beiträge zahlen für Generationen von Familien die unser Gesetz ausbeuten??

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