Wir leben alle in einem Global Real-Life Manic Spy Thriller.

Als ich eben durch meine Twitter-Timeline gescrollt bin, ist mir aufgefallen, welche “narrative Qualität” die Geschichte um Edward Snowden angenommen hat. Und nicht nur sie, sondern der gesamte Handlungsstrang um die Datenströme, die unsere Welt umkreisen. Insbesondere die beiden folgenden Tweets haben in mir das Gefühl geweckt, schon längst nicht mehr in einer halbwegs akzeptablen und irgendwie menschlich erklärbaren Realität zu leben, sondern in der abgehobenen Welt eines irrsinnigen globalen Spionage-Thrillers, bei dem hinter jeder Ecke eine neue aberwitzige Wendung lauert:

Kim Dotcom ist ja längst selbst einer der erstaulichsten Protagonisten in diesem Spiel geworden, wie er als Täter und als Opfer in der Geschichte um die globalen Datenströme kaum von einem Romanschreiber ausgedacht werden kann.

Dass wir über einen Online-Dienst darüber auf dem Laufenden gehalten werden, an welcher Stelle auf dieser Welt sich grade ein Flugzeug aufhält, das einen Protagonisten der Handlung befördert, hätte man vor 25 Jahren einem James-Bond-Film als unwirklich und unrealistisch angekreidet.

Und mit diesen beiden Tweets und den Geschehnissen rund um Snowden, die NSA und das britische GCHQ ist ja die komplette Geschichte noch lange nicht erzählt.

Es gibt einen US-Präsidenten, der als globale Hoffnung auf eine bessere Welt angetreten ist und der jetzt, einem Harvey Two-Face nicht unähnlich, seine andere Gesichtshälfte in die Kameras dreht, und dabei das Antlitz eines Menschenüberwachers von unvorstellbarem Ausmaß zeigt.

Es gibt einen türkischen Premierminister, der seinem Volk aus kommerziellen Erwägungen heraus einen öffentlichen Platz entreißen will, den Widerstand der Bevölkerung erlebt, der über den oben genannten Online-Dienst zum Teil mit organisiert wird, und der fordert, den Dienst zu verbieten.

Es gibt Bradley Manning, Julian Assange und Wikileaks.

Es gibt Facebook, als die große globale Daten-Geschichte an sich, die ihren eigenen Spielfilm schon bekommen hat.

Dazwischen irrlichtert John McAfee mit einer Nebenhandlung durch die Gegend, als seien die Produzenten oder Autoren dieses Thrillers beim Schreiben mancher Szenen auf den härtesten aller Drogen gewesen.

Man könnte noch lange weiter erzählen, von dem Datenexperten, der von Facebook zur NSA gewechselt ist. Oder auch von unserem eigenen deutschen Nebenstrang — von den Machern eines deutschen Tabloids, die zugleich versuchen, Google mit Hilfe der deutschen Bundesregierung zu Zahlungen zu erpressen und zu selben Zeit als Google-Fanboys durch’s Sillicon Valley stolpern. Oder den antidemokratischen Anwandlungen unserer Telekom. Man könnte sich das als eine Provinzposse am Rand der globalen Spionage-Story denken.

Und so weiter.

Jedes Kapitel, jede Nebenhandlung, jede kleine Wendung, wirken wie das wahnsinnige Spiel eines großen Erzählers, der hier ein Garn spinnt, wie es sich noch kein Romanautor, kein Erfinder einer Fernsehserie, kein Blogbuster-Produzent so hat ausdenken können. Derweil gehen die Verkäufe von Orwells Buch 1984 nach oben.

Ich staune, und lese, und staune, und weiß eigentlich schon lange nicht mehr, was man zu all dem überhaupt noch twittern oder sagen kann.

Was ist hier die richtige Reaktion? Hat noch jemand etwas Popcorn da? Oder eher: Wer wandert mit aus in die Einöde, wo wir unvernetzt unseren eigenen Käse fertigen und von Gräsern und Beeren leben werden?

Kommentare

  1. Twitter today reads like a @GreatDismal novel in realtime, and reality unfolds like a Jason Bourne plot in realspace #EdwardSnowden— Juha van 't Zelfde (@juhavantzelfde) June 23, 2013

Add Comment