Wie man schnell eine Fremdsprache lernt.

Ich bin sicherlich kein Experte, was das perfekte Aneignen von Fremdsprachen angeht. Aber ich habe während des Studiums relativ schnell Französisch gelernt, und aktuell ist es in mir in einem halben Jahr gelungen, immerhin gut genug Italienisch zu lernen, um alle meine Termine und die gesamte Arbeit im Büro auf Italienisch zu machen. Deswegen sagen Leute manchmal zu mir Dinge wie: “Wie machst Du das?” oder: “Du musst ja besonders talentiert sein?!”.

Ich habe darüber nachgedacht und glaube, dass es einen “Geheimtrick” gibt. Natürlich hilft es ganz grundsätzlich, wenn man ein wenig Sinn für Sprachen hat (ich weiß nicht, ob ich das Talent nennen mag) und ein Interesse an Sprachen. Aber ganz entscheidend ist etwas anderes: man muss bereit sein, sich ein Jahr lang in extrem unangenehme Situationen zu bringen — und zwar immer wieder.

Ich habe Französisch gelernt und lerne jetzt Italienisch, indem ich jede Gelegenheit wahrnehme, die sich mir bietet, mit Muttersprachlern Zeit zu verbringen. Und dabei sind inbesondere die Gelegenheiten wichtig, bei denen sich mehrere Leute intensiv miteinander unterhalten. Gemeinsame Mittag- und Abendessen beispielsweise. Das Problem an solchen Anlässen für den Sprachlerner: am Anfang, wenn man die Sprache nur sehr rudimentär beherrscht, versteht man an einem Abend über mehrere Stunden hinweg maximal 5% der Konversation. Und das ist psychologisch recht anstrengend: man sitzt als erwachsener Mensch zwischen anderen erwachsenen Menschen, die sich miteinander angeregt unterhalten und ist letztlich zum allergrößten Teil aus der Konversations ausgeschlossen. Am schlimmsten sind die Witze. Alle lachen, und man selbst hat keinerlei Chance mitzulachen.

Die normale Reaktion nach einem solchen Abend ist, bei der nächsten Einladung zu sagen “Nee, lass mal, ich verstehe ja eh kein Wort. Ich mache lieber erstmal einen weiteren Sprachkurs, und unterhalte mich derweil mit anderen Ausländern in Mailand auf Englisch.”

Verständlich. Aber völlig falsch. Die aus meiner Sicht richtige Reaktion ist es, jede weitere derartige Gelegenheit ebenfalls wahrzunehmen und die Abende schlicht zu “durchleiden”. Man muss hinnehmen, dass man wenig versteht, man muss das einfach “überleben”. Denn an diesen Abenden lernt das Gehirn, teilweise ganz unbewusst. Es hört sich in die Sprache rein, es beginnt, wiederkehrende Wendungen zu erkennen, sich Muster zu merken — ohne, dass man sich dessen selbst unbedingt klar wird. Der Fortschritt geht, subjektiv empfunden, nur sehr sehr langsam. Aber an einem weiteren Abend ergibt sich dann ein direktes Gespräch mit einer Person, die neben einem sitzt, und plötzlich merkt man, dass man zwar an der Tischkonversation immernoch kaum teilnehmen kann, dass aber der Austausch mit einer Person, die direkt mit einem spricht, viel einfacher geht. Das hilft dann der Motivation. Und so bewegt man sich langsam weiter, und ist nach einem halben Jahr bereits bei 50%.

Das Lernen funktioniert außerdem zyklisch. Es gibt Wochen, wo man denkt, “mein Gott, ich kann ja schon richtig gut sprechen”. Und dann scheint die eigene Sprachfähigkeit wieder abzustürzen. Auch da muss man durch und einfach weitermachen.

Ebenso wichtig ist, dass man selbst schnell beginnt, sich in der Sprache auszudrücken. Ohne Rücksicht auf mögliche Fehler oder Unsicherheiten. Man muss lossprechen und immer wieder versuchen, das Gehörte anzuwenden. Ohne Eitelkeit und ohne Angst. Die andere werden den Mut zu schätzen wissen, und sie werden weiterhelfen, wenn mal die Worte fehlen.

Was ist also der Geheimtrick? Der Geheimtrick ist, dass man für ein Jahr lang seinen eigenen Stolz ausschalten und zulassen muss, dass man gezwungenermaßen zu einem Außenseiter wird. Man muss diese Rolle bewusst annehmen und sich in sie hineinfinden. Für viele Erwachsene ist das sehr sehr anstrengend, und sie scheuen davor zurück. Aber es ist meiner Ansicht der einzige Weg, schnell eine Fremdsprache* zu lernen.

(*Dies gilt zunächst so nur für westeuropäische Fremdsprachen — ich habe keinerlei Erfahrungen mit den Anforderungen, die Sprachen wie Russisch oder asiatische Sprachen an den Lernenden stellen.)

Kommentare

  1. Ja, das sind Erkenntnisse, die von der modernen Sprachpädagogik absolut unterstützt werden. Es geht dabei nicht um das Pauken von Grammatik und Vokabeln, sondern um das Lernen von ganzen Phrasen, Sätzen, Redewendungen. Am Anfang geht es allerdings nicht ganz ohne Vokabelbüffelei. Was auch wichtig ist: die tägliche Beschäftigung mit der Fremdsprache. Passt also alles. Wichtig ist auch bei der aktiven Verwendung: immer schön langsam sprechen und nicht Unsicherheit wegnuscheln ;-) Und man kennt das ja auch von sich selbst: die Geduld mit Fremdsprachlern, denen man anmerkt, dass sie sich bemühen, ist doch relativ groß…

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  1. Hejsan! – Wie ich auszog, um Schwedisch zu lernen | daniel rehn - digitales & reales - 3. Februar 2014

    […] Oetting beschrieb das ganz toll, als er nach Mailand ging und sich zwang Italienisch zu lernen, indem er viel zuhörte und sich selbst in unangenehme Situationen im Sinne von “Ich verstehe nur die Hälfte und […]

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