“Wie konntet Ihr Euch damals, 2010, so dermaßen austricksen lassen?”

Enkel: “Opa. Damals, 2010. Wie konnte es dazu kommen, dass das Schminternet eingeführt wurde? Dieses zerhackte Stückwerk, mit dem es dann kein Internet mehr gab, sondern nur noch Einzelnetze, zu denen man separat Zugang kaufen musste? Wie konnte das passieren? Habt Ihr nicht aufgepasst, damals? Wieso habt Ihr Euch … uns! das antun lassen?”

Opa: “Ach, mein Enkel. Eine Schande ist das. Und recht hast Du, dass Du fragst. Es ist mir peinlich, es tut mir weh, es tut mir leid. Und die Erklärung ist ganz einfach – ein Trick war’s, nichts als ein PR-Trick! Sie haben uns mit einem miesen Trick auf’s Kreuz gelegt.”

Enkel: “Wie? Mit einem Trick? Was für ein Trick denn?”

Opa: “Also, das war so: einige Jahre bevor der große Bruch mit dem Internet gemacht und das Schminternet eingeführt wurde, hat Google – in weiser tückischer Voraussicht – damit begonnen, Kamerawagen durch deutsche Lande fahren zu lassen. Kamerawagen, die jedes Haus und jeden Hof auf Photo aufgenommen haben.”

Enkel: “Google Streetview, na klar. Aber was hat das denn mit dem Thema zu tun?”

Opa: “Nichts! Das ist ja der Punkt! Aber als das dann schließlich 2010 eingeführt werden sollte, hat der deutsche Michel sich furchtbar aufgeregt. Tage- … wochenlang war nichts so sehr Thema wie die Frage, welches Haus und welches nicht im Internet abgebildet werden kann, darf, soll, oder nicht soll. Politiker haben sich darauf gestürzt, die Medien haben voll mitgemacht und absurdeste Dinge verbreitet. Und niemand – absolut niemand – in der breiten Bevölkerung hat sich ansatzweise dafür interessiert, dass Google und die Telekom und andere unser Internet zur selben Zeit zerhackt und das Schminternet eingeführt haben.

Denn – und das ist der entscheidende Punkt: Google hatte sich längst von “Don’t be evil” verabschiedet und war nur noch daran interessiert, knallharte geschäftliche Interessen durchzusetzen. Und so wurde heimlich der Dolch angesetzt und ganz schnell zugestoßen, als alle woanders hingeschaut haben … Auf den Nebenschauplatz: die letztlich deutlich weniger wichtigen Frage, welche jahrealten Fotos von Hausfassaden man im Internet anzeigen darf oder nicht.”

Enkel: “Ganz ehrlich, Opa? Das ist aus meiner Sicht eine ziemlich schwache Ausrede. Ihr hättet Euch einfach mehr anstrengen müssen.”

Tja. Bitte hier entlang.

Kommentare

  1. Yep, genau so ist es. Aufregung um einen Nebenkriegsschauplatz, während das Netz, wie wir es kennen, abgeschafft werden soll.

  2. Natürlich wird die US-Ansage von Google/Verizon schnell zum globalen Vorbild werden. Aber mir ist nicht ganz klar, was eine StreetView-Diskussion in Deutschland mit der Lage in Amerika zu tun hat – erst mit der Verschleierung selbiger. Dieser abstrus-skurile Wiederwillen ausgemachter Spießigkeit ist wahrscheinlich die erste Nachricht aus Deutschland, die der Durchschnitts-Ami seit der “Affäre” um Schröders gefärbte Haare am Rande zur Kenntnis nimmt.

  3. Den gleichen Gedanken hatte ich auch gerade: seltsamer Zufall, dass man in Deutschland mit einer mäßig interessanten Presseinfo (wann startet Streetview nochmal genau?) ein Spektakel lostritt, genau zu dem Zeitpunkt, wo man in den USA eine ziemliche Sauerei veranstaltet. Allerdings denke ich, dass, wenn es da einen Zusammenhang geben sollte, der wohl nur darin besteht, dass sich Google hierzulande die Nachfragen zum Blödsinn mit Verizon ersparen wollte. Die Medienmeute lässt sich halt prima führen. Nur in den USA kriegt davon niemand was mit.Übrigens fürchte ich, dass es das oben geführte Gespräch nicht geben wird: der Enkel wird das freie Internet nie kennengelernt haben und deshalb nie vermissen… so traurig das auch ist…

  4. @Björn Klar, ist ein wenig konstruiert. Aber mir ging’s ja nur darum, die Bedeutung der beiden Themen “zukunftshistorisch” zu beschreiben. Und was den Enkel betrifft: vielleicht können wir ja dafür sorgen, dass der Enkel die Frage deswegen nicht stellt, weil wir in Deutschland eine rechtliche Relegung bekommen, die das einheitliche Internet erhält …

  5. Der Gedanke ist sicherlich nett und nicht ganz falsch. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass am 21.07. schon die selben Pläne aus dem Mund des Vorsitzenden der deutschen Telekom verbreitet wurden: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,707695,00.htmlErschreckender empfinde ich den Zugewinn des Google Betriebssystems Android.(http://www.areamobile.de/news/16175-android-vorneweg-smartphone-anteil-am-wel…, denn gesteuert mit Hilfe von Applikationen könnte der freie Datenfluss schneller beeinflusst werden als in einem verteilten Netz.

  6. @Moritz Die Telekom habe ich oben in meinem Text ja schon drin. Aber Deinen Link baue ich noch ein. Wegen Android … Tja. Ich bewege grade alles Richtung Android bei mir, weil ich den Apple’schen Zensurmist nicht mehr will. Und jetzt macht Google diesen Dreck. Da weiß man echt nicht mehr, welche Plattform man denn nun nutzen soll?

  7. Das mit der Telekom stimmt, sorry, ich gestehe, ich habe quer gelesen. Das mit den Mobiltelefonen und den entsprechenden Betriebssystemen ist wirklich eine nicht einfach zu beantwortende Frage. Ich habe leider noch keine Antwort gefunden.

  8. Hast Recht – ich hab jetzt immerhin einen Kasten in den Text gebaut:http://www.webwriting-magazin.de/burka-fuer-fassaden-google-street-view-und-d

  9. @Martin: Deinen guten Willen in allen Ehren, aber Deutschland dürfte das letzte Land sein, in dem die politische Klasse auf die Idee kommt, sich dafür einzusetzen. Ich denke, die werden eher das Gegenteil betreiben. Meine Gedanken dazu hab ich vor ein paar Tagen mal ins Blog geschrieben…http://www.ognibeni.de/blog/2010/8/3/sind-nicht-vielleicht-eher-browser-das-u…Google hätte Teil der Lösung sein könnte. Aber jetzt sind sie wohl eher Teil des Problems…

  10. @Björn Es gibt ja nur eine Möglichkeit: wir können das, was Du in Deinem Blog beschreibst, zu bekämpfen versuchen. Oder eben nicht. Und ersteres erscheint mir vor der #zensursula-Erfahrung jedenfalls nicht unmöglich. Der Wahlkampf von Howard Dean war die Übung, mit der die Demokraten in den USA gelernt haben, wie man das Internet für den Wahlkampf verwendet. Der Wahlkampf von Obama war dann die perfektionierte Variante davon. Vielleicht gelingt uns Ähnliches: #zensursula war die Übung. Jetzt geht es um Größeres. Nur so als Gedanke. Am 12.08.10 20:10 schrieb “Comment to Posterous” unter <comment-etxgqwfkgbcbkfa>:

Add Comment