Wie die Online-Medien sich selbst irrelevant machen.

Früher saßen Redaktionen zusammen und haben darüber nachgedacht, welche Geschichten sie platzieren sollten: “Was kommt auf die Seite 1?” — das war die wichtigste Entscheidung, auf diese Weise konnten Journalisten Themen setzen und einem Thema Bedeutung verleihen.

Das ist heute vorbei.

Die am stärksten wachsenden Online-Medien dieser Tage achten nicht auf das, was aus ihrer Sicht wichtig ist und beachtet werden sollte. Sie achten auf das, was die Menschen schon beachten. Was bereits Momentum hat, bekommt mehr Momentum. Was bereits Verbreitungspotenzial hat, wird aufgeschnappt und stärker angetrieben — nicht weil es bedeutend ist, sondern weil das Klickvieh verlässlich danach giert, damit also verlässlich Klicks erzeugt werden, diese Klicks also verlässlich zu Werbeeinnahmen führen.

Medienmacher interessieren sich schon lange nicht mehr dafür, wichtige Geschichten zu finden und ihnen Raum zu geben. Sondern nur noch für Geschichten, die ohnehin ihren Raum und ihre Reichweite finden werden — damit sie auf letzteren Huckepack reiten und Klicks abgreifen können.

Das hat zwei Konsequenzen: Erstens, die werbefinanzierten Medien entlassen sich sehr kurzfristig aus jeder Verantwortung, als vierte Macht im Staat die Demokratie zu stützen. Zweitens, die werbefinanzierten Medien werden kurzfristig bald alle ihre Mitarbeiter entlassen. Denn dieses Mitschwimmen auf den Wellen der Viralität wird über kurz oder lang komplett automatisch gehen. Dafür braucht man dann keine Leute mehr.

Wir brauchen eine neue vierte Macht in den Demokratien unserer Zeit. Mit den bisherigen Medien ist das nicht mehr zu machen. Und genau zu dieser Zeit denkt der britische Premier Cameron offenbar darüber nach, die BBC zuzumachen — ein Medienhaus, das nicht nach diesen kaputten Mechanismen funktioniert. Manchmal fragt man sich, in was für einer Welt wir leben — was für eine Welt wir uns bauen. (Obwohl … wenn man dem Cameron zuhört, wird einem ohnehin ohne Unterlass schlecht.)

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