Wer sind diese Leute, die “Print beschützen” wollen?!

Ich bin jedes Mal ersetzt, wenn ich im Jahr 2013 noch immer Äußerungen lese, in denen irgendjemand irgendwo sagt, dass “Print bleiben muss”, dass “Print wichtig ist”, dass Print dieses, das und noch was anderes sei — und die damit irgendwie was Gutes für den Journalismus tun wollen. Weil ich jedes Mal nicht verstehen kann, warum Menschen den Wert einer Botschaft daran festmachen wollen, auf welchem Material sie zu ihnen kommt.

Die Frage ist schon millionenfach gestellt worden, aber ich muss sie nochmal stellen:

Was denken Menschen, die sowas sagen? Und was haben sie mit ihrem Gehirn gemacht? Sorgen sie sich nicht darum, dass eine solche Aussage ihre allgemeine Zurechnungsfähigkeit in aller Öffentlichkeit in Frage stellt?

Wenn mir guter, echter, ehrlicher, wahrer Journalismus wichtig ist, dann muss mir wichtig sein, dass er Menschen erreicht! Dann muss mich doch interessieren, wie ich ihn auf möglichst einfache, günstige, schnelle, nachdrückliche, aktuelle Weise an die Menschen bringen kann! Wie kann ich mich dabei zugleich daran festhalten, dass er auf Papier gedruckt wird? Das ist doch in seiner Fülle und Gänze komplett unglaubwürdig und aberwitzig dämlich? Wer sind diese Menschen, die das immernoch fordern? Und was reitet sie? (Unterstellend, dass es Menschen sind, die Journalismus schätzen.)

Die digitalen Medien sind besser, schneller, praktischer, involvierender als alles, was man auf Papier drucken kann. ES GIBT KEIN ARGUMENT FÜR PRINT PER SE. Zumindest nicht für zeitkritische Nachrichten. Es sei denn, man braucht alternatives Klopapier, Grillanzünder oder Schutzmaterial beim Tapezieren.

Was reitet sie also also?! Die Idee, dass Print sich irgendwie finanziert und Online nicht? Doch nicht im Ernst. Schon mal was von Angebot und Nachfrage gehört?

(Es tut mir leid, die Frage ist immer und immer wieder gestellt worden. Aber nachdem ich heute in irgendeinem Newsletter zum dreimillionsten Mal gelesen habe, dass wieder irgendwo ein “Blattmacher”, oder ein “Medienmacher”, oder sowas ähnliches erklärt hat, dass Print bleiben müsse, konnte ich nicht an mich halten und muss hier rumranten.)

Kommentare

  1. Ich sag das mal, weil ich wohl nicht den Verdacht unterliege ein Internetfeind zu sein:

    Zeig mir doch mal ein paar Presseartikel, die vor 20 Jahren online erschienen sind.

    Nur mal so als Beispiel ;)

  2. Oliver, reden wir hier von Archiven? Na, ich habe ja absolut nichts dagegen, Vergangenes auf Papier zu archivieren.

    Die Äußerungen, um die es hier geht, sind aber immer auf die Zukunft gerichtet! Und wir sind uns außerdem sicher einig, dass ein digital komplett durchsuchbares Archiv in Zukunft sicher praktischer ist als eins aus Papier, oder? :)

  3. Naja, das mag für den Journalismus stimmen, im wissenschaftlichen Bereich, insbesondere bei Büchern sehe ich Print immer noch als wichtig, alleine schon deswegen, weil bei wissenschaftlicher Information das Layout und die korrekte Darstellung von Sonderzeichen usw. wichtig sind.

    • Hm, was ist der Unterschied von einem Sonderzeichen im PDF und einem auf Papier?

      Ich kann ein Buch, das vor meiner Geburt hergestellt wurde einfach in die Hand nehmen und lesen (grad les ich so eins, ein Taschenbuch dazu noch, “Walden”, von Thoreau).

      Mit einem Datenträger wird das schwierig ;) Und ja, es gab vor 1964 schon Datenträger ;)

      • Okay, das Problem der Dateiformate. Kompatibilität sehe ich als Herausforderung ein. Daran muss gearbeitet werden.

        Im Idealfall gäbe es immer die Möglichkeit, eine Datei mittels Ausdruck “notfalls” in ein “Print” umzuwandeln.

  4. Martin, auch in der Wissenschaft ist doch die Durchsuchbarkeit, die künftig möglich werden muss, ein entscheidendes Argument für komplette Digitalisierung. Wie oft habe ich mir bei meiner Diss gewünscht, ich könnte die Volltexte durchsuchen!

    Das Lesen muss man dann auf vernünftigen Geräten organisieren, damit es auch digital klappt und Spaß macht – und damit die digitale Bearbeitung möglich wird, die dann wiederum durchsuchbar ist.

    • Da ist dann wieder das Problem der “vernünftigen” Endgeräte und der Formate. In der Verlagswelt und im Vertrieb der Bücher hinterher gibt es zur Zeit ja eigentlich nur geschlossene Ökosysteme, die der Durchsuchbarkeit, Bearbeitbarkeit usw. entgegenstehen. Für mich ist der Wert von Print in Buchform im wissenschaftlichen Rahmen der, dass die Veröffentlichung sehr viel länger Bestand hat, als es eine digitale Veröffentlichung hat.

      • Dann machst Du aber das Fass von hinten auf (oder so), denn Du argumentierst nicht für Print, sondern letztlich nur unter der Voraussetzung, dass das aktuelle wissenschaftliche “Veröffentlichungsökosystem” Mist ist.

        Das ist natürlich wahr.

        Aber das ändert nichts an meiner Aussage: wenn wir auch im Wissenschaftsbereich offenere Systeme hätten, die vernetzt digital funktionieren, dann wäre das deutlich besser.

        Gut geführte digitale Bibliotheken könnten mit vernünftigen Datensicherungssystemen Beständigkeit der Dokumente auf viel nützlichere Weise sicherstellen als physische.

        Es lohnt sich also für eine starke schnelle Digitalisierung der Wissenschaftspublikationen zu kämpfen. :)

        • …genau – falscher Aufhänger! Und warum gibt es geschlossene Systeme ? Da kommen auch wieder nur die immer gleichen Argumente “Schutz vor Raubkopien”, “Gratiskultur vermeiden” usw. Ich kann es nicht mehr hören.
          Hallo?!? Wo bleiben denn die zukunftsfähigen Geschäftsmodelle?

          • Ja, das Problem sehe ich auch. Nur bin ich zu dumm, ein neues, tragfähiges Geschäftsmodell zu sehen. Ich glaube, dass Kopien von aufwändig erstellten Büchern (wie in der Wissenschaft üblich) den Kauf nicht ersetzen und den “Markt” kaputtmachen. Aber das ist halt in Zahlen nicht zu fassen.

            Ich habe aber für das harte wissenschaftliche Publishing noch keine gute Idee gehört. Wohl aber, dass alles zu teuer ist … …

    • Yep, aber es ist doch ein unterschied ob ich sage:

      - das gibt es auf Papier und digital.

      oder
      - das gibt es nur digital. (Und vielleicht mal in einzelnen Prints.)

      Dann haben wir ein Mittelalter, bei dem das Wissen ‘soft’ ist (im Kopf, auf dem Datenspeicher), das ‘harte’ Wissen aber eine teure Rarität. (illuminiertes Manuskript, POD-Ausgabe des ebooks)

      [in Relation zu einem ebook ist ja ein konventionell als 10000er-Auflage produziertes Buch das "monetär" korrespondierende Medium zum Manuskript]

      • Hab Deinen Kommentar dreimal gelesen, verstehe aber nicht, auf was Du hinaus willst.

  5. @Martin G-U: ich kann oben nicht mehr antworten, daher tue ich’s hier. Wissenschaftsbücher verdienen doch den Autoren so gut wie nie Geld?! Die werden doch wegen der Reputation geschrieben und nicht zum Geldverdienen. Insofern greift das Problem da doch überhaupt nicht. Es gilt (“nur”) einen Mechanismus zu entwickeln, der Wissenschaftstexte auswählt und lektoriert, ohne dass die unflexiblen Gatekeeper “Wissenschaftsverlage” dazwischen stecken und alles teuer und unflexibel machen können.

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