Was mich so richtig sauer macht.

Vor einigen Tagen saß ich im Raum Frankfurt im Taxi. Im Radio lief ein Bericht über eine bemerkenswerte Frau: eine junge Frau mit türkischem Familienhintergrund, die bei der hessischen Polizei tätig ist und sehr viel für die Integrationsarbeit leistet. Es wurde beschrieben, wie sie dank ihrer Vertrautheit mit beiden Kulturen Differenzen überbrücken und eine Verständigung zwischen Polizei und türkischen Jugendlichen ermöglichen kann. Und sei es, weil sie bei einem Einsatz randalierende türkische Jungs einfach mal auf türkisch zusammenscheißt. Die dann völlig baff sind, weil eine Polizistin mit ihnen türkisch redet, und sich danach viel kooperativer zeigen. Ich war sehr angetan von der Frau und davon, dass an verschiedenen Stellen in unserem Land das Thema Integration vielleicht doch seine Fortschritte macht.

Dann kam ein weiterer O-Ton der Frau. Sie sprach davon, dass sie sich darum bemüht, den Jugendlichen Perspektiven zu zeigen, sie zu unterstützen, “und sie vor den Gefahren des Internets zu warnen.”

Was?

Unkommentiert ging der Satz einfach so durch. Er wurde nicht zum Thema gemacht, war einfach nur eins der Dinge, die illustriert haben, wie diese Frau jungen Türken in Deutschland hilft. Unter anderem, indem sie vor den Gefahren des Internets warnt. Ganz selbstverständlich.

Und ich war … ich bin entsetzt. Denn in dem Moment wurde mir klar: es sind gar nicht die unverbesserlichen Zensursulas und die affigen Skeptiker, die alles besser wissen und damit massiv die Internetkompetenz in diesem Land behindern. Es ist der Umstand, dass in der breiten Bevölkerung die Annahme verbreitet ist, dass das Internet erstmal eine Sache ist, vor der man warnen muss. Die Gefahren bringt. Die bedrohlich ist. Vor der Jugendliche zuerst einmal geschützt werden müssen.

Wie kann es sein, dass das die Art und Weise ist, wie hierzulande über das Internet nachgedacht wird? Wenn es um Autos (tödliche Instrumente), Fernreisen (von Malaria bis Flugzeugabsturz ist alles möglich) oder um das Schnitzel an der nächsten Ecke geht (Gammelfleisch und was da noch so alles drinstecken kann), würde absolut niemand auf die Idee kommen, zuallererst über die Gefahren nachzudenken oder zu reden. Die junge Frau sprach nicht davon, dass sie die türkischen Jugendlichen vor den Gefahren des Straßenverkehrs warnt, oder vor den Gefahren, die entstehen, wenn man Gammelfleisch isst. Aber vor dem Internet muss gewarnt werden. Klar! Und wieder verstärkt sich bei den 150.000 Hörern dieser Sendung ganz unterbewusst der Gedanke, dass natürlich das Internet eher schlecht als gut ist.

Wie wäre es, wenn sie die Jugendlichen nicht vor den Gefahren des Internets warnen, sondern ihnen die unglaublichen Möglichkeiten aufzeigen würde? Wenn sie ihnen beibringen würde, was man mit einem Blog machen kann? Wenn sie ihnen zeigen würde, auf welche begeisternde Art und Weise im Netz kollektiv Wissen produziert wird? Wenn sie ihnen vermitteln würde, dass ein gekonnter Umgang mit dem Netz die eigenen beruflichen Chancen nicht nur enorm verbessert, sondern vielleicht sogar eine Anstellung unnütz machen kann, weil man mit dem Web sein eigenes Geschäft auf eine Weise entwickeln kann, wie es ohne niemals möglich wäre? Wie wäre es, wenn sie ihnen zeigen würde, wie sie im Web ihren eigenen Fernsehkanal starten können, der unserer Gesellschaft endlich authentisch zeigt, wer junge Türken in unserem Land eigentlich sind, wie sie ticken, was sie wollen?

Sauer macht mich sowas, richtig sauer.

Wenn zufällig irgendjemand, der das hier liest, dieselbe Sendung gehört hat und weiß, wie die Dame heißt, würde ich mich über eine Nachricht freuen. Denn dann könnte ich ihr diesen Text hier als Brief schicken.

Vermutlich aber auf Papier – denn als Link im Internet ist er ja viel zu gefährlich.

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Nachtrag: Ich verweise hiermit nochmal auf mein “Twittern ist Bürgerpflicht” von vor wenigen Tagen. Denn genau darum geht’s doch – dass man das Internet als Demokratieinstrument begreift und nicht als Sache, vor der man Angst haben muss.

Kommentare

  1. Hm. Einerseits kann ich Deinen Unmut über die starre und unreflektierte Haltung gegenüber “dem Internet” nachvollziehen, andererseits glaube ich, dass eine große Mehrheit der Menschen “dem Internet” positiv gegenüber eingestellt ist. Und zwar auch diejenigen Menschen, die nicht (wie wir) always on sind.Denke an die die Nutzung des Netzes: nahezu jeder nutzt das Internet täglich bzw. regelmäßig. Daher schätze ich die von Dir beschriebenen Äußerungen als nicht-repräsentativ ein. Stark netzaffine Menschen (wie wir) reagieren auch gern sensibel, wenn “das Internet” kritisiert wird. Daraus eine negative Grundhaltung abzuleiten, ist m.E. zu hart gedacht.Zumal: der von Dr geschilderte positive Aspekt des Radioberichts überwiegt in meinen Augen den negativen deutlich ;-)

  2. Naja, richtig sauer macht es mich nicht. Ich denke, das ist eine typische Antihaltung (in Medien und in der Gesellschaft) gegen Dinge, die man (noch) nicht versteht und vor denen man dann auch (un)berechtigterweise Angst hat. Du kennst doch sicher auch das “Kerner entdeckt seinen Fake-Twitter-Account”-Filmchen (http://www.youtube.com/watch?v=4kfVKqiIZeM) mir gefällt sehr gut, was Wolf von Lojewski da sagt.Die Leute werden es noch lernen und die Angst wird vergehen. Dazu werden allerding gut gemeinte Briefe nicht beitragen letztlich hträgt nur der Umgang mit dem Medium und die eigene Erfahrung dazu bei Vorurteile abzubauen.

  3. Ja, das gute alte Internet… Es ist für manche immer noch zu jung, obwohl es schon so viele Jahre auf dem Buckel hat.

  4. Mir gefällt besonders Dein letzter Satz, Martin.So, genug Internet für heute, bin ja nicht lebensmüde. Euch noch Hals- und Beinbruch beim Surfen!

  5. Moment… Ich finde den Satz nicht schlimm. Es ist doch die Wahrheit das im Internet einige Gefahren lauern. Z.b. Datenklau, Phishing, Viren, etc. etc. Die Dame von der Polizei hat doch nicht gesagt: “Ich warne die jungen Leute vor dem gefährlichen Internet.” – Sondern vor den Gefahren die darin lauern. Um beim Beispiel mit dem Auto zu bleiben: Sie warnt ja nicht vorm Autofahren, sondern davor zu schnell oder betrunken zu fahren. Von daher hätte ich den Satz auch komplett Kommentarlos stehen gelassen… :) Vlt. hast du da ein bischen überreagiert?

  6. @Alex Weiß nicht. In dem Bericht wurde – soweit ich mich erinnere – das Internet einfach kommentarlos und völlig selbstverständlich als Gefahrenquelle genannt. Und das ist ärgerlich.

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