Was die Universität niemanden lehrt, aber allen beibringen sollte: „finding your tribe“

Sheep

Ich habe in meinem Studium einen Fehler gemacht. Und ich kann mir vorstellen, dass viele Menschen diesen Fehler machen. Leider kann es ein “teurer” Fehler werden, der das ganze Leben beeinflusst. Man sollte daher versuchen, ihn zu vermeiden.

Grundlage des Fehlers ist eine falsche Vorstellung davon, warum man zur Universität geht.

Man geht nicht zur Universität, um sich inhaltlich auf sein Berufsleben vorzubereiten. Oder gar, um bestimmte Dinge für den Berufsalltag zu lernen.* Viel entscheidender ist, dass man zur Uni geht, um „seine Leute“ zu finden. Auf Englisch würde ich sagen: „to find your tribe.“

Leider wusste ich das nicht, als ich anfing zu studieren. Ich habe es leider erst Jahre später begriffen.

Ich glaube, dass ein überwältigender Anteil Studierender nur wenige inhaltliche Dinge aus dem Studium mit ins Berufsleben nimmt. In Vorlesungen sitzen, Seminare hören, Hausarbeiten schreiben, sind alles intellektuell fordernde Sachen, die man erleben sollte, wenn man kann, und die einen menschlich und inhaltlich weiterbringen. Aber es sind nicht die Erlebnisse, die einem erlauben, sich in den meisten Jobs wohl und zuhause zu fühlen. Nichtmal dann, wenn sich eine Uni oder ein Lehrstuhl mit großer Mühe darum bemühen, ein praxisnahes Studium zu organisieren. Die meisten Universitäten sind von ihrem Charakter her etwas völlig anderes als Unternehmen, und die Menschen, die dort arbeiten, funktionieren in ihrem Leben und in ihrem Denken anders als die, mit denen man dann im Job zu tun hat. (Es sei denn, man hat vor, an einer Uni zu arbeiten.) Und das soll auch so sein — wären Universitäten wie Unternehmen, müsste man nicht hingehen, sondern könnte direkt mit der Arbeit im Unternehmen beginnen.

Deswegen ist nicht wichtig, was der Professor in der Vorlesung sagt. Oder was im Handout steht.

Wichtiger ist, was der Mensch sagt, der neben einem in der Vorlesung sitzt. Oder die Person, mit der man in der Mensa anschließend über die Vorlesung spricht. Oder diejenigen, mit denen man in Arbeitsgruppen Hausarbeiten schreiben oder Projekte bearbeiten muss. Das, was am Ende in der Hausarbeit steht, oder was man in der Prüfung wissen muss, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist folgendes:

Wie fühlt sich der Umgang mit den anderen Menschen an, die das Fach studieren, das ich mir ausgesucht habe? Ist das „mein Schlag Leute“? Bin ich in dieser Gruppe zuhause? Erlebe ich hier die Sorte Menschen, mit der ich auch künftig meine Zeit verbringen möchte?

Wenn man diese Frage mit ja beantworten kann, ist man auf dem richtigen Weg. Denn man muss sich klarmachen, dass man gemeinsam mit diesen Leuten den Weg in die Berufswelt antreten wird. Die Mitstudenten sind diejenigen, mit denen man über Praktikumsbewerbungen spricht, über Jobchancen, Karrierepläne und Bewerbungsgespräche. In einer derart entscheidenden Lebenssituation (Orientierung und Suche nach dem ersten Job und Start ins Berufsleben) beeinflussen die Vorstellungen der anderen, die in der selben Lage sind, die eigenen Gedanken intensiv, ob man nun will oder nicht. Anschließend im Job trifft man dann natürlich nicht unbedingt dieselben Leute wieder. Aber man trifft andere, die ähnlich ticken — weil sie auf ähnliche Weise in ihren Job gefunden haben. Und so beeinflusst das Studium das Leben — weil man dabei seinen „Tribe“ findet.

Zur allgemeinbildenden Schule, die man besucht, geht man überwiegend, weil die Eltern sich darum gekümmert haben. Die wenigsten Schüler haben sich ihre Schulen selbst ausgesucht. Das bedeutet, dass man die Mitmenschnen dort nur sehr begrenzt selbst bestimmen kann. Man ist mehr oder weniger gezwungen, mit dem Umfeld auszukommen, das einem dort präsentiert wird. An der Universität ist das anders. Heutzutage entscheiden Studierende vorwiegend selbst (oder gemeinsam mit ihren Eltern), wohin sie ziehen und was sie studieren werden. Das bedeutet, dass sie hier die erste Entscheidung über die Kreise treffen, in denen sie sich bewegen werden.

Was tut man aber, wenn man feststellt, dass die Kreise, die man mit seinem Studium gewählt hat, nicht wirklich passen? Dann sollte man an der Universität alle Mittel in Bewegung setzen, um andere Kreise zu finden. Im Uni-System alten Typs gab es noch die Freiheit, ein wenig links und rechts vom eigentlichen Studium zu schnuppern und zu experimentieren — vielleicht, indem man sich ein oder zwei Semester mehr Zeit nahm, weil man als BWLer bei einem Theaterstück mitgespielt, als Jurist an einem Elektroautoprojekt mitgebaut, oder als Literat mit anderen in einem Studentenunternehmen mitgearbeitet hat. Manchmal ergab sich daraus sogar ein Wechsel des Studiengangs, um mit den “passenderen” Leuten zusammen zu leben, zu arbeiten, zu denken. Aus diesem Blickwinkel sind die neuen Bachelor- und Master-Systeme ein Unglück für die Studierenden. Heute müssen sie durch ein eng getaktetes Studium hetzen, das ihnen gar nicht die Freiheit bietet, zu überprüfen, ob der „Tribe“ denn auch passt. Und was würde erst der Wechsel des Studienfachs bedeuten – wie sähe das aus, auf dem ansonsten optimal frisierten Lebenslauf des 21. Jahrhunderts?

Ich habe lange nicht begriffen, dass ich im falschen „Tribe“ unterwegs war. Meine gesamte Kindheit und Jugend lang haben mich vor allem musische Dinge (Zeichnen und Musik) und Technik (Autos, Flugzeuge und Motorräder) interessiert. Inhaltlich war es vielleicht trotzdem nicht falsch, BWL zu studieren. Denn auch Kunst, Kultur, Geräte und Maschinen wollen organisiert und bezahlt werden. Aber menschlich war es für mich nicht richtig. Das soll kein Urteil meinerseits über BWL-Studenten sein. Ich habe schlicht festgestellt, dass ich persönlich während meines gesamten Studiums und dann während meiner bisherigen beruflichen Laufbahn in einem Business-Berufsumfeld nur sehr wenige Menschen gefunden habe, mit denen ich wirklich auf einer Wellenlänge war oder bin. Und so habe ich mich immer irgendwie als Gast gefühlt, nie wirklich daheim und wohl. Bis auf mein Privatleben ist das durchgeschlagen, es hat auch da nicht den Reichtum an Kontakten und Erlebnissen ermöglicht, die die Zugehörigkeit zu einem anderen „Tribe“ vielleicht ergeben hätten.

Und das liegt wohl daran, dass ich mir im Studium nicht genug Zeit genommen habe, um mit Tribes zu experimentieren. Weil ich zu meinem Studienfach ebenso wie zu den Menschen nicht wirklich Zugang finden konnte, wollte ich stattdessen das Studium einfach schnellstmöglich hinter mich bringen, um danach dann den richtigen Weg zu gehen. Dass ich mich damit aber gar nicht in die Lage versetzt habe, im Finden von und Austausch mit anderen Gleichgesinnten den richtigen Weg zu entdecken, habe ich damals nicht begriffen. Ich hätte mir mehr Zeit und Ruhe an der Uni nehmen, hätte verschiedene Experimente wagen sollen, um zu verstehen, in wessen Gemeinschaft ich den besten Weg hätte gehen können.

Natürlich gibt es ein paar Berufe, die einem verschlossen bleiben, wenn man sie nicht studiert. Beispiele sind Medizin oder Ingenieurwesen. Wer Arzt werden will, hat schon allein bürokratisch-rechtlich keine andere Möglichkeit, als ein langes und anstrengendes Medizinstudium zu überstehen. Das ist auch gut so, denn wer sich vornimmt, am Leben und Überleben anderer zu arbeiten, sollte zunächst über eine ganze Reihe von Jahren beweisen, dass sie das Thema ernst nimmt, dazu in der Lage ist, und die Ausdauer mitbringt, bereits vor Beginn der beruflichen Tätigkeit die 10.000 Stunden zu akkumulieren, die es braucht, um eine Sache wirklich zu beherrschen.

Bei Ingenieurinnen ist es ähnlich: die heutige anspruchsvolle Welt von Technik, Software und zugehöriger Mathematik erfordert, dass man möglichst früh viel lernt, um bereits mit einem profunden Schatz an Kenntnissen bei seinem ersten Arbeitgeber oder im eigenen ersten Start-Up anzutreten, wo häufig erwartet wird, dass es der jungen Generation gelingt, weiter zu denken als es diejenigen tun, die schon länger in der Materie stecken. Deswegen kann man als Student des (bspw.) Maschinenbaus fundamentale Dinge lernen, zu denen man später nie mehr die Zeit finden wird, die einem aber entscheidende Vorteile in der Arbeitswelt bringen.

Aber letztlich gilt auch hier das oben Gesagte: eine Medizinstudentin schafft es wohl nur durch das lange Studium, wenn sie in der gemeinsamen Auseinandersetzung und im gemeinsamen Kampf mit den anderen die Höhen und Tiefen der Medizin zu verarbeiten und zu erleben versteht. Als Ingenieur wird man nur glücklich, wenn man merkt, dass die Gespräche mit den Mitstudierenden — über die Vorlesung, das Seminar, die Übung hinaus — anregend sind, Spaß machen, bereichern.

Um einen glücklichen Weg ins Berufsleben zu finden, geht es nicht darum, was man studiert.

Sondern mit wem.

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*Meine Erfahrung stammt aus meinem Studium. Ich weiß aber natürlich, dass viele Menschen nicht studieren und auf anderem Weg ins Berufsleben starten — mein Text erhebt deswegen keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, sondern behandelt bewusst nur die Erfahrungen an Unis, weil ich mich nur damit auskenne.

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Nachtrag 07.10.2016: ein großartiger Text über einen Jungen, der schon mit 13 seinen “Tribe” gefunden hat. Beneidenswert, aber selten.

Kommentare

  1. Lieber Martin, vielen Dank dafür, dass du in kluge Worte fasst, worüber ich auch nachdenke. Denn zwei meiner Söhne werden diesen Herbst ihr Studium beginnen, einer davon wechselt, nachdem er feststellte, dass der erste Versuch nicht der richtige war. Ich selbst hatte das Glück, im richtigen Stamm zu landen. Und das zu machen, was mich menschlich und auch fachlich und intellektuell inspirierte (und wovon ich in der Tat bis heute profitierte, inklusive der lockeren Kontakte aus dieser Zeit). Ein tolles Plädoyer für ein Studium nach Begabung, Laune und Lust. Und gegen den leichten Weg, einfach eine universitäre Berufsausbildung zu machen. Danke, danke, danke.

    • Luebue, freut mich, dass Dir der Text gefällt! Ich weiß allerdings nicht, ob tatsächlich der Fokus auf “Begabung, Laune und Lust” das Gleiche wie der von mir beschriebene Fokus auf die “Mitmenschen” ist? Letztlich geht es mir darum, über die Mitmenschen das Umfeld zu finden, in dem man zuhause ist und sich wohl fühlt. Insofern sind die Gedanken wohl verwandt, aber nicht genau das Selbe.

      • Martin, ich habe es nur anders ausgedrückt – im Grunde aber das gleiche gemeint. Denn ich würde sowohl aufgrund der eigenen Erfahrung als auch der vielen jungen Leute, die ich am Beginn ihrer Berufstätigkeit sah, schon denken, dass ich meinen Stamm, meine Mitmenschen vor allem dann finde, wenn ich das Fach nach Begabung und Freude auswähle, oder? Denn setzt sich dieser Stamm nicht vor allem darum aus Menschen zusammen, mit denen ich etwas anfangen kann, weil sie sich für etwas Ähnliches begeistern können und mit Spaß bei der Sache sind?
        (Übrigens scheint mir, dass ich meinen Stamm auch anderswo als im Studium finden kann. Ich habe einen Teil im politischen Engagement gefunden, einen Teil im kirchlichen Engagement – allerdings waren Studium, Politik und Kirche auch ähnliche Staatenverbunde bei mir…)

        • Stimmt. Wenn Leute mit derselben Passion zueinander finden, werden sie wohl überwiegend auch zueinander passen.

  2. Mir geht es so, dass ich meinen “Tribe” (der VWLer) ab und zu vermisse, gerade um so Sachen wie bedingungslose Grundeinkommen, Brexit etc. mit Leuten zu besprechen, die davon wirklich Ahnung haben. Nur leider war ich nicht gut genug, in dem Feld einen Job zu bekommen. Dafür entspricht mir mein jetziger “Tribe” (Journalismus) besonders in den Feldern Arbeitszeitgestaltung, Umgang, Atmosphäre, selbständiges Arbeiten usw. Hatte mich als VWLerin auch mal bei der Bundesagentur für Arbeit beworben, aber ich glaube nicht, dass eine Behörde je mein “Tribe” hätte werden können.

    • Klar, man kann sich natürlich verschiedenen Gruppen auf unterschiedliche Weise zugehörig fühlen, das ist ein Aspekt, der in meinem Text noch fehlt!

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