Testfahrt mit einem Elektro-Motorrad: Zero Motorcycles XU.

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Manche wissen, dass ich seit einer Weile ziemlicher Tesla-Enthusiast bin … Ich war vor über einem Jahr schon in Kalifornien im Show-Room und habe in Deutschland schon zweimal den Roadster testgefahren. Über eine Facebook-Ad (!) habe ich jetzt kürzlich entdeckt, dass es mittlerweile auch die E-Motorräder des Anbieters Zero Motorcycles in Deutschland gibt – eine weitere Firma aus Kalifornien, die mit E-Mobilen an der Mobilitätsrevolution mitarbeiten will. Und weil ich neugierig darauf war, wie das Elektrofahrgefühl auf zwei Rädern ist, habe ich heute über Mittag eine Testfahrt gemacht – bei der Roewer GmbH, die zwei Zero-Motorräder da hat.

Fahren konnte ich das Modell XU – ein relativ kleines und leichtes Motorrad, das eine 125er Zulassung hat, und daher auch mit derselben Fahrerlaubnis gefahren werden kann. Im Laden stand auch das größere Modell S, das allerdings noch nicht durch die Zulassung durch war (in der Fotoserie oben das letzte Bild). Die XU ist ein rechtes Leichtgewicht, der Händler sagte mir, dass sie nur 80 kg wiegt. Der dicke Brocken in der Mitte ist der Akku … klar, die Energiespeicherung ist und bleibt die große Herausforderung für jedes E-Fahrzeugs.

Das Anlassen ist unspektakulär – der “Zündschlüssel” wird gedreht, die Bordelektronik braucht ca. 30 Sekunden, um in Gang zu kommen. Dann ist das Motorrad startbereit. Und da fängt die Umgewöhnung an – es herrscht völlige Stille. Normalerweise “warnt” ein Motorrad ja durch vernehmliches Motorengeräusch, dass sofort Bewegung entstehen kann, wenn man sich nicht vorsieht. Hier herrscht Stille. Man dreht am “Gasgriff”, und völlig lautlos setzt es sich in Bewegung. Als nächstes hört man dann vor allem die Kette, und erst dann das Geräusch des summenden Elektromotors. Kuppeln oder Schalten fallen weg, es gibt nur einen Gang.

Im folgenden Video habe ich versucht einzufangen, wie anders das Fahrgeräusch ist (ich habe die Kamera hingestellt und bin daran vorbei gefahren):

Der Anzug ist nicht so bombastisch-heftig, wie ich ihn beim Tesla erlebt habe (der einen ja aufgrund seines Beschleunigungsvermögens komplett umhaut). Ich war eher überrascht, dass die allerersten Meter sogar ein klein wenig zäh erscheinen, erst danach zieht das Gerät richtig los. Es kann sein, dass das bewusst so gemacht wurde, um ungewollte Wheelies etc. zu vermeiden. Denn nach den ersten Metern geht’s dann gut ab.

Auf einem der Fotos kann man sehen, dass es oberhalb vom Scheinwerfer einen Schalter gibt, mit dem man zwischen “Eco”- und “Sport”-Modus wählen kann. Der Unterschied ist leicht erklärt: im Eco-Modus ist das Motorrad auf 50 km/h begrenzt. Das reicht, wenn man in engeren Straßen einer Stadt unterwegs ist, wo die Autos auch nicht viel schneller fahren können. Damit erzielt das Motorrad seine angegebene Reichweite von rd. 40 km. Wenn man auf Sport schaltet, geht’s bis über 80 km/h Spitze rauf, und dann ist man wirklich gut motorisiert und kann sehr schön im Verkehr auch auf mehrspurigen Ausfallstraßen dabei sein. Allerdings geht die Reichweite dann auf runde 25 km zurück. Aber das Ding fährt sich auf die Weise wirklich gut, ist beweglich, spritzig, perfekt für die Stadt.

Neben dem geräuschlosen Anfahren und dem Spaß, den das Ding macht, ist aus meiner Sicht das andere große Highlight, dass man halt auch komplett lautlos an der Ampel steht. Man braucht nur ein ganz klein wenig Energie für Scheinwerfer und Bordelektronik, ansonsten herrscht Stille. Es fühlt sich schon schön an, wenn man weiß, dass man bei der nutzlosen Warterei so gut wie keine Ressourcen verbraucht, während bei allen anderen (die keine Start-Stop-Automatik haben oder Hybride sind) die Motoren nutzlos weiter tuckern.

Zu den Preisen … tja. So, wie ich das Gerät hier gefahren habe, kostet es rund 8.000 EUR. Ein ähnlich motorisiertes herkömmliches Motorrad kostet natürlich deutlich weniger. Das Modell S ist nochmal deutlich interessanter, finde ich – es steht erstmal viel motorradartiger da, hat eine deutlich größere Batterie, die technisch aufwändigere Konstruktion (auch keine Kette, sondern Zahnriemen, also noch geräuschloser) und einen stärkeren Motor. Es soll über 100 in der Spitze fahren können und eine Reichweite von 80 km haben – damit ist es natürlich deutlich vielseitiger als das kleine Ding. Und: es kostet mit 10.000 EUR nicht allzu viel mehr. Auch hier fällt der Vergleich mit einem normalen Motorrad sicher nicht besonders gut aus. Aber in beiden Fällen hinkt so ein Vergleich eh – wer sich für so ein Gefährt interessiert, der tut das nicht, weil er einen Ersatz für ein herkömmliches anderes Gefährt sucht. Sondern weil er oder sie mit der Zukunft der Individualmotorisierung experimentieren möchte. Und das macht echt Spaß! (Wermutstropfen: beide sind Solo-Bikes, ohne Fußrasten für einen Sozius.)

Bevor man sich allerdings entscheidet, eines der beiden Geräte zu kaufen, müssen viele Leute ein ganz anderes Problem lösen: wie tanke ich es auf, wenn ich mitten in der Stadt wohne und keine Garage habe? Denn ein E-Mobil – ganz gleich ob Auto oder Motorrad – muss jeden Abend an die Steckdose. Und hier kann man, anders als bei manchen E-Rollern, die Batterie nicht entnehmen und in der Wohnung aufladen. Genau das ist die eigentliche Hürde, wenn man sich in der Stadt so ein Fahrzeug leisten will und kein eigenes Haus hat. Ein Problem, das ich leider auch noch nicht habe lösen können.

Nachtrag: Sampleman hat schon vor einem Jahr die S getestet.

Nachtrag 2: die André Nowak von der PR-Agentur von Zero hat in den Kommentaren darüber informiert, dass man bei der XU doch den Akku recht leicht rausnehmen kann, wie man hier sieht (ab min.1:40 etwa).

Kommentare

  1. da fehlt eindeutig der sound, das ist extrem unsexy! nicht kaufen!

  2. @emsepaul Na toll. Das ist doch genau der Punkt!

  3. aber man könnte ein tonband und einen lautsprecher installieren, der dann wahlweise ein KTM, Ducati oder Aprilia Geräusch abspielt. die lautstärke wird dabei proportional zur drehzahl geregelt…. ich geh mal kurz zu conrad und bau mir was….

  4. coole maschine. bin gespannt, ob sich die e-motorräder durchsetzen können.

  5. Hallo Oetting,das ist ein toller Testbeitrag, den werde ich auch gleich mal über die FB-Page von Zero posten – freut mich auch, dass Sie Zero dort entdeckt haben ;-) Allerdings habe ich noch eine kleine, aber wesentliche Korrektur: der Akku der Zero XU ist tatsächlich für jeden Anwender mit wenigen Handgriffen austauschbar, genauso wie bei der X und MX – auch hier zu sehen (Modell XD, Straßenversion der X): http://www.youtube.com/user/ZeroMCGermany#p/u/18/enx4UQ684CE Damit kann der Akku tatsächlich im Gegensatz zu einigen E-Rollern mit in die Wohnung oder ins Büro genommen werden. Als Zubehör bietet Zero auch einen Schnellader an, der die Ladezeit von zwei auf fast eine Stunde reduziert (siehe auch http://www.zeromotorcycles.com/de/zero-xu-specs).Würde mich freuen, Ihre Testerfahrungen mit der S zu lesen!! Der Anzug ist schon deutlich näher am Tesla ;-) – habe gestandene Motorradfahrer erlebt, die das unterschätzt haben und denen es die Maschine unter dem Hintern weggezogen hat…also insofern: vooorsichtig “Gas” geben beim ersten Mal und viel Spaß auf Berlins Straßen!

  6. @André Nowak Danke für das schnelle Feedback! Arbeiten Sie bei/für Zero? Das mit dem Akku ist interessant – vielen Dank für das Video! Der Händler hat’s eher so dargestellt, dass es für den täglichen Gebrauch eigentlich nicht realistisch sei, dass man das macht. Also dass man das Motorrad vor dem Haus abstellt und dann den Akku einfach mit in die Wohnung nimmt. Aber in dem Film sieht’s ganz okay aus. Geht das bei der “S” auch?

  7. Hallo Herr Ötting,gerne! Ich betreue bei der Kommunikationsagentur Maisberger die Pressearbeit von Zero in Deutschland und Österreich, bin aber auch gern Ansprechpartner bei allen Fragen rund um die Bikes. Hmmm das mit dem Gebrauch ist schon realistisch, wenn man kräftige Arme hat…habe es selbst probiert, der Akku ist schon recht schwer, ein Transport ohne Aufzug in den 10 Stock ist natürlich schwierig. Da man ja aber jede Steckdose nutzen kann, gibt es mehr als genug Stromtankstellen. Bei der S und der DS funktioniert das leider aufgrund der Rahmenkonstruktion nicht; mal abwarten, was die nächsten Modellgenerationen bringen.Viele GrüßeAndré Nowak

  8. @André Nowak Eine S mit entnehmbarer Batterie – das wär was! Vielleicht könnten Sie das so mal zurückmelden. Die Info mit der Batterie bei der XU baue ich oben noch ein.

  9. Das mit der fehlenden Geräuschkulisse kann man natürlich so oder so sehen – is it a bug or is it a feature? Mir persönlich würde sensorisch da schon etwas fehlen, was zum Motorrad irgendwie dazugehört. Dieser Sound, der eher an eine U-Bahn erinnert, ist definitiv unsexy!

  10. @Elmar Thiel In der Tat. Aus meiner Sicht ist’s ein Feature. Ich bin mittlerweile so weit, dass ich mich über heulende Motoren – egal welche Fahrzeugart – ärgere. Ziemlich sogar. Weil der Geräuschpegel, der durch den Verkehr entsteht, aus meiner Sicht heute eine ziemlich schlimme Form der Umweltverschmutzung ist. Das finde ich unsexy. Also: Geschmackssache. :)

  11. Genau das ist doch der Punkt: Lautlos und ohne Abgase, zumindest lokal. Wer wie ich an einer recht viel befahrenen Straße in Berlin wohnt, ärgert sich vor allem abends und nachts über jeden Biker, der sein Testosteron nur über den Gasgriff ausleben kann. Dieses Geheule von roter Ampel zu roter Ampel – grauenhaft und zweckfrei. Ich wünsche mir schon allein deshalb sehnlichst, dass sich E-Motorräder durchsetzen.

  12. Genau! Ich glaube, dass es mittelfristig einen Bewusstseinswandel geben wird. Wir sind uns heute schon größtenteils einig, dass optische Protzerei bei Fahrzeugen mit Spoilern und Co peinlich ist. Das kommt jetzt langsam auch bei der akustischen Protzerei.Wenn ich heute irgendwo Leute mit Supersportwagen erlebe, die mit ihrem Lamborghini das gesamte Viertel beschallen, dann ist das nichts anderes als peinlich. Und das ist bei heulenden Motorrädern meiner Meinung nach ganz genauso.

  13. So weit sind wir uns einig: Es gibt nichts Nervigeres als heulende Motoren, mit “Sport”-Auspuff, Spoilern, Airbrush-Dekor und (spät)pubertärem Fahrer samt tiefergelegtem Hirn versehene Fahrzeuge welcher Art auch immer. Das und das damit verbundene Gehabe ist peinlich, keine Frage.Das hat aber nichts mit der sinnlichen Komponente zu tun, die ich meine. Zu einem Motorrad gehört für mich eben auch ein Motorengeräusch (lieber ein sattes Blubbern als hochtouriges Heulen), ebenso wie die Vibration des Motors. Dagegen ist so ein E-Bike schlicht und einfach steril, und sei es noch so zeitgeistig und politisch korrekt.

  14. @Elmar “Politisch korrekt” ist ja so eine Art Schimpfwort geworden. Ich mag das E-Motorrad nicht, weil ich’s politisch korrekt finde, sondern ich find’s persönlich korrekt. :) Aber klar, letztlich ist’s Geschmackssache. Meiner hat sich in den letzten fünf Jahren extrem gewandelt. Vorher hätte ich’s genauso gesehen wie Du.

  15. Herr Oetting schrieb: Ich glaube, dass es mittelfristig einen Bewusstseinswandel geben wird. Und ich glaube, dass wir das nicht mehr erleben werden! Es gehört in die Natur von gewissen “Schichten” zu protzen und solange es Tuning, röhrende Auspuffe und laute Motoren gibt werden diese auch eingesetzt. Es geht hier auch gar nicht darum mit aufgebohrten Krümmer durch die Gegend fahren zu wollen, sondern vielmehr mit einem Gefährt unter dem Allerwertesten, das einen vom Sound nicht an eine Singer Nähmaschine erinnert!

  16. @Emsepaul Und da wäre ich nicht so sicher. Wie gesagt – bei mir ging der Bewusstseinswandel erstaunlich schnell. Warum soll es bei anderen nicht auch so sein? Außerdem klingt Ihr Roller, wenn ich mich recht entsinne, durchaus auch nicht nähmaschinenunähnlich … ;)

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