Prof. Dr. Urs Gasser mit der Keynote beim SPD-Netzkongress (#spdnetz)

Prof. Dr. Urs Gasser eröffnet den Kongress mit seiner Keynote.

Der erste entscheidende Faktor für einen erfolgreichen Umgang mit der Digitalisierung der Gesellschaft liegt seiner Ansicht nach zunächst darin, dass wir die digitale Gesellschaft überhaupt besser verstehen müssen. Gasser nennt es die analytische Herausforderung durch die digitale Gesellschaft. Die Veränderungsprozesse resultieren in einem neuen gesellschaftlichen Betriebssystem. Zweitens haben wir ein Bewertungsproblem: wie können wir heute Dinge bewerten, die wir noch nicht verstehen. Und schließlich muss drittens die Gesellschaft schließlich neu gestaltet werden, um den Regeln der digitalen Gesellschaft gerecht zu werden. Neben dem inhaltlichen und einem normativen Verständnis brauchen wir also drittens die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen.

Für die erste Aufgabe sieht er zuerst die Wissenschaft gefordert, so, wie sie auch in anderen komplexen Bereichen der Gesellschaft helfen muss. Die Erforschung des Internetphänomens muss laut Gasser interdisziplinär verlaufen. Als Beispiel nennt er Forschung am Berkman Center über die Wirkung des Internets auf Kinder. Weiter muss dem globalen Charakter des Netzes Rechung getragen werden. Cloud Computing nennt er hier als Thema, welches bei der Forschung global bearbeitet werden muss, und welche Harmonisierung von Datenschutzanforderungen dabei entwickelt werden muss. Als nächstes spricht er von der Unmenge der zur Verfügung stehenden Daten – “Big Data”. Diese Datenmengen überhaupt fruchtbar forscherisch zu nutzen, erfordert völlig neue wissenschaftliche Instrumente. Große Herausforderungen sieht er aber nicht nur methodisch, sondern auch theoretisch. Welche Qualität haben Daten bei der Umstellung von einer analogen auf eine digitale Welt? Wie werden neue Informationsintermediäre – wie YouTube bspw. – zu bewerten sein, die Inhalte filter und bewerten? Dafür braucht es neue theoretische Ansätze. Und schließlich erklärt Gasser, dass ein Problem darin besteht, dass das Internet aufgrund seiner rasanten Entwicklung ein ‘moving target’ darstellt.

Der Wissenstransfer zwischen Forschung und Politik erfordert neue Schnittstellen und Politiker, die sich auf diese diffizilen Themen einzulassen bereit sind. Dabei muss im Sinne einer langfristigen Arbeit immer wieder darauf hingewiesen werden, was wir wissen und was wir nicht wissen, und über Lücken nachgedacht werden, anstatt Mythen zu verbreiten (wie das Jugendliche keine Privatsphäre verstehen würden, oder dass das Internet uns vereinsamen lässt – laut Gasser beides falsch). Wir stehen noch immer am Anfang der Arbeit. Der transformative Charakter des Internets legt nahe, dass es einen Bias in sich trägt, und nicht als “neutrale” Kraft betrachtet werden darf.

Vor dem Hintergrund sind grade normative Entscheidungen enorm schwierig. Den Zusammenbruch des Musikeschäfts verknüpft Gasser direkt mit der Entwicklung von Napster. Dafür weist er auf neue Modelle wie iTunes oder Netflix hin, die wie schon die VHS nicht den Untergang sondern neue Geschäfte ermöglicht haben. Chancen und Gefahren sind durchmischt und nur schwer voneinander zu trennen. Das macht die Bewertung so schwer. Die Veränderungen im Arbeitsleben – ständige Erreichbarkeit, Datenlecks – nennt Gasser als ein Beispiel dafür, dass die Bewertung von internetbezogenen Veränderungen oft zur Glaubensfrage wird.

Die großen Probleme der Gegenwart lassen sich, so Gasser, nicht ohne Internettechniken lösen. Egal ob Gesundheitswesen oder Energietechnik, die Vernetzung kann überall helfen, Probleme zu lösen. Nur darf die Vernetzung nicht ad hoc passieren, sondern sollte mitgeplant werden, weil sie sonst nur schlecht wieder angepasst oder optimiert werden kann.

Die Demonstrationen gegen SOPA/PIPA oder ACTA sind nur die Spitze des Eisbergs. Das Teilen und Kopieren von Dateien ist Wesensbestandteil des Internets. Davon bleiben auch manche Geheimnisse nicht verschont. Wann und wie sollen sich bestimmte Institutionen – wie das Urheberrecht – an diese neue Welt anpassen? Zumal grade das Recht leicht belächelt wird, weil es der Technik immer hinterher hinkt. Aber Gasser legt viel Wert darauf, dass rechtliche Regeln dringend angepasst werden müssen.

Die Aufgabe, in diesen faktischen und normativen Unsicherheiten Entscheidungen zu treffen, ist aus Sicht Gassers alles andere als beneidenswert. Daher kommt er jetzt zu den Gestaltungsfragen. Er denkt, dass das Internet wesentlich von politischen Entscheidungen geprägt und durchdrungen ist. Die Vorläufer des Internets wurden von der Politik finanziert. Entscheidende Dienste und Infrastrukturen sind nur möglich geworden, weil es Gesetze und Rechte gab, die sich ermöglicht haben. Gasser sagt, dass er mit dieser Meinung auch vielen Kollegen widerspricht (die offenbar eine “Politik muss sich raushalten”-Meinung haben).

Gasser unterscheidet drei Dimensionen guter Internetpolitik:

1) Entscheider stehen vor dem großen Problem, aus einer Vielzahl von Lösungen die richtigen auszuwählen. Die Richtigkeit dieser Entscheidungen wird DIE Messlatte für die Politik sein. Wenn die Politik hier schlecht informiert falsche Entscheidungen trifft, macht sie sich auch selbst unglaubwürdig. Andererseits sind diese Entscheidungen kein leichtes Spiel. Das gesamte Gestaltungssystem muss deswegen inkl. Recht auf Lernfähigkeit programmiert werden.

2) Die passenden Instrumente mussen gefunden werden. Der Gebrauch des altgedienten Instruments “Verbot” sei zwar auf beiden Seiten des Atlantiks beliebt (Verbot von Killerspielen, Verbot von Facebook-Zugang). Sie sind zwar eventuell symbolisch interessant, bringen aber häufig wenig. In vielen Bereichen müssen Akteure stärker zusammen wirken. Wenn bspw. beim Umgang von Kindern mit dem Netz Eltern, Lehrer, Schüler selbst und Institutionen zusammen arbeiten, lassen sich bessere Lösungen finden. Gasser schlägt also nicht einseitige Sanktionen vor, sondern netzwerkartige Zusammenarbeit.

3) Die Formen und Gremien der Entscheidungsprozesse ändern sich. Das Internet hat zu einem enormen Transparenzdruck beigetragen. Früher konnten Themen fern der Öffentlichkeit in halbwegs sicheren Räumen vordiskutiert und vorsichtig bearbeitet werden. Das ist heute vorbei. Wir müssen uns auf volltransparente Prozesse einstellen. Auch Partizipation wird entscheidend sein. Neue Formen der Teilhabe könnten natürlich über das Internet selbst organisiert werden – Gasser bietet Estland als fortschrittlichste Fallstudie in Europa an. Neuartige Intitutionen – wie ICANN – sind dabei ebenfalls zu beachten.

Gasser schließt mit vier Postulaten für die Internetpolitik, von denen ich leider nur zwei mitbekommen/mitgeschrieben habe [Korrektur – @ugasser hat netterweise über Twitter die fehlenden beiden Postulate nachgereicht!]:

1) Gute Internetpolitik gebietet, an der Sammlung von Wissen zum Internet teilzunehmen und sich damit auszutauschen.

2) Vor Entscheidungen müssen wir wissen, was wir wissen und was nicht, und wir müssen Lernfähigkeit bewahren.

3) Gute Internetpolitik wahrt das Generativitätsprinzip (also einen Charakter, der auf das Entstehen oder Entwickeln von Neuem ausgerichtet ist) und damit die Innovationskraft.

4) Wenn unter Unsicherheit entschieden werden muss, sollte jene Variante gewählt werden, die Interoperabilität erhöht und Möglichkeitsräume vergrößert.

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