Meine erste Woche Tesla: 2353 km von München bis in die Toskana und zurück.

Meine erste Woche TeslaVon Kindesbeinen an war ich Autofan. Ich kannte die Namen der wichtigsten Formel-1-Piloten auswändig, als Michael Schumacher noch in die Grundschule ging. Mein Vater war Automobilingenieur, ich machte mit 12 mein erstes Praktikum bei einer Motorenfirma. Aber irgendwann — es muss so zwischen 2005 und 2009 gewesen sein — verging mir die Freude am Auto. Wer einmal einen Moment länger darüber nachdenkt, was das endlose Verbrennen von Öl in Abermillionen von Autos mit diesem Planeten anstellt, der kann an aufheulenden Motoren oder Benzingeruch keine Freude mehr haben.

Was also tun, um den Spaß am Fahren wiederzuentdecken?

Im Frühjahr 2011 bin ich mehrmals den Tesla Roadster testgefahren. Kaufen konnte ich das Fahrzeug letzten Endes aber leider nicht — das Auto war zwar schweinecool, aber vor allem viel zu teuer (runde 100.000 EUR). Außerdem war es auch deutlich zu eingeschränkt nutzbar (nur zwei Sitze) und es hatte eine deutlich zu knappe Reichweite (merklich unter 300 echte Kilometer — dazu wurde das Supercharger-Netzwerk von Tesla erst ab 2013 eingerichtet). Nun ist seit 2012 das Model S auf dem Markt, welches schon ein (klein) wenig günstiger zu haben ist, deutlich über 300 km Reichweite schafft, mit vier oder gar fünf Plätzen (und zwei großen Kofferräumen) auch mehr Platz bietet, und vor allem vom mittlerweile erstaunlich gut ausgebauten Tesla Supercharger-Netzwerk profitiert. Nachdem Frank Roebers mir diesen Sommer mit hilfreicher Mundpropaganda und einer Probefahrt auf die Sprünge geholfen hatte, war es schließlich soweit.

Freitag vorletzter Woche (16.10.) fand die Übergabe des Fahrzeugs an der Münchner Auslieferungsstelle Feldkirchen statt. Mein Fahrzeug ist weiß, mit der großen 85 kWh-Batterie, Heckantrieb; es hat eigentlich keine nennenswerten Zusatzausstattungen — nur die niveauregelnde Luftfederung ist dabei, was sich in den kommenden Tagen noch als sehr nützlich herausstellen sollte … (Wer wissen will, was es noch so alles gibt, kann mit dem Tesla-Konfigurator herumspielen.)

Auslieferung Feldkirchen

Die Übergabe benötigt etwa eine Stunde Zeit — vor allem, weil man sich die Software an Bord erklären lassen muss. Anschließend rollte ich lautlos vom Hof. Und bewegte ein wirklich riesiges Schiff. Mir wäre es normalerweise nie in den Sinn gekommen, ein Fahrzeug dieser Größenordnung anzuschaffen. Das Ding ist knapp fünf Meter lang und knapp zwei Meter breit und spielt damit etwa in der Liga der S-Klasse von Mercedes, die zwar etwas länger ist, dafür aber schmaler (*).

Audi A2 vs. Tesla Model SDa mein letztes Auto ein kleiner blauer Audi A2 Baujahr 2004 ist, bin ich zudem nicht gewöhnt, derart mit Elektronik vollgepackte Autos zu bewegen. Mich überraschte daher erstmal, wie einfach alles geht. Die Sensoren und Assistenten, die an allen Ecken das Auto bewachen, machen auch den Umgang mit einem derart ausladenden Fahrzeug wirklich zum Kinderspiel. Dazu kommt die Rückfahrkamera für’s Rangieren. Aber das ist natürlich alles nicht Tesla-spezifisch, das gibt es in anderen Fahrzeugen mittlerweile auch. Was Tesla-spezifisch ist: das riesenhafte Display in der Mittelkonsole. Ich korrigieren mich: die Mittelkonsole ist das Display. Auf der Größe von zwei iPads kann man so ziemlich alles anzeigen lassen, was man an Funktionen an diesem Auto abrufen mag. Dazu sprechen mein iPhone und der Tesla recht fließend miteinander. Bei eingerichteter iOS-App zeigt der Bordcomputer den aktuellen Tag des Kalenders aus dem Handy an. Und erlaubt einen Direktzugriff auf die in Terminen eingespeicherten Adressen, direkt zur Nutzung im Navi. Sich mit dem Riesendisplaypad nicht auch bei der Fahrt zu beschäftigen, kostet schon ein wenig Disziplin — grade in unserer heutigen Zeit, in der wir ja alle ständig irgendein Display vor der Nase haben. Aber das ist hoffentlich nur eine Frage der Gewohnheit.

Da ich an der Wohnung keine Lademöglichkeit habe, nur im Büro, habe ich in der zweiten Nacht gleich in einem Parkhaus um die Ecke die dort angebotenen E.On-Ladesäulen ausprobiert. Mit dem Starkstrom-Ladekabel, das ich von Tesla mit dazu bekam, ging das Laden dort an einer 16 Ampere-Dose erstaunlich schnell. Und so war das Auto bereit für einen ersten Test am Sonntag. Von München ging es erst an den Wörthsee, um Freunde zu besuchen. Und von dort weiter zum ersten Supercharger an der Autobahn nach Lindau, in Aichstetten. Mit einer Restreichweite von 168 km kamen wir dort an. Immernoch genug, um bis zum Bodensee zu kommen (das war das Ziel des Testausflugs), aber nicht genug, um von dort auch wieder zurück zu fahren. Also: Schnelladen.

AichstettenEs geht sehr einfach: im Auto klickt man an, dass man aufladen möchte und dass die Ladeklappe freigegeben wird, am Heck springt sie auf, man nimmt das Kabel aus seiner Verankerung an der Ladesäule, steckt ein, und los geht’s. Was zuhause an der normalen Alltagssteckdose bis zu einem Tag dauern kann (wenn die Batterien so gut wie leer sind), geht hier bei enormer Leistung innerhalb einer halben bis vollen Stunde (in diesem Fall: 40 Minuten, um rd. 40 kWh nachzuladen). Damit wird aber auch klar, warum ein “normaler” S-Klasse-Fahrer mit dem Tesla halt nichts anfangen könnte: wer exakt das, was er bisher von seinem Benziner oder Diesel kennt, auch von seinem Tesla erwartet, wird eine Tankpause von 40 Minuten als unerträglich lang empfinden. Wer es aber unglaublich cool findet, ohne Verbrennung lange Strecken zurückzulegen, der freut sich über das brutal schnelle Laden und geht dabei einen Kaffee trinken. Die App auf dem Smartphone zeigt einem dazu in Echtzeit, wie sich der Ladezustand des Autos entwickelt.

Dabei machten sich bereits zwei Schwächen der Raststätte in Aichstetten bemerkbar: der mobile Handy-Datenempfang ebenso wie das gastronomische Angebot sind gleichermaßen unerfreulich — man tut sich also sowohl schwer, die Zeit zu verbringen, als auch dabei mobil den Ladezustand im Auge zu behalten. In den kommenden Monaten werde ich oft an dieser Raststätte Aufenthalt haben, ich werde mich darauf also einstellen müssen.

Die Fahrt bis an den Bodensee und zurück (ohne weiteres Superladen) verliefen außerordentlich angenehm. Man fährt souverän und unaufgeregt, und wenn man mal in einer Beschleunigungsspur beim Einfädeln auf die Autobahn dem drohenden LKW auf der rechten Spur entgehen will, dann sind elektrische 378 PS und 5,6 Sekunden von 0-100 km/h schon eine Ansage. (Und dabei ist mein Auto immernoch weit entfernt vom “Ludicrous Mode”, mit dem das absolute Spitzenmodell beschleunigen kann.) Toll ist auch, dass die Energie für hurtigen Vorwärtstrieb immer da zu sein scheint. Auch aus 130 km/h mal eben auf 150 zu beschleunigen, weil man nur kurz ein anderes Auto überholen will, geht ebenfalls völlig unaufgeregt. Überhaupt ist “unaufgeregt” das passende Wort. Denn es passt auf das Auto wie auf den Fahrer. Weil das aggressive Heulen eines leistungsstarken Sportmotors komplett fehlt, stellt sich beim Fahrer auch ein ganz anderer Umgang mit Geschwindigkeit ein. Anstatt dass man jedes Überholmanöver als eine Art bollernde Kriegserklärung aus röhrenden Auspufftöpfen an den “schleichenden” Vordermann erlebt, zieht man sozusagen als sanfter Gigant vorbei, der kein großes Aufhebens macht — sondern eben nur kurz vorbei möchte, um anschließend weiter stille seiner Wege zu ziehen. Das allein passt aus meiner Sicht besser in unsere Zeit.

Die hässliche Überraschung gab es am Abend: die Garage mit Ladesäule ließ mich im Stich — das System, das noch in der Nacht zuvor problemlos funktioniert hatte (man steckt die Parkkarte in die Ladesäule, die dadurch freigegeben wird), ließ sich diese Nacht nicht zur Kooperation überreden. Das war unangenehm. Ich musste am folgenden Morgen mit einer Kollegin früh nach Mailand aufbrechen und hatte darauf gesetzt, ein voll geladenes Auto zur Verfügung zu haben. Nun musste ich das Auto ins Büro bringen und es dort an der herkömmlichen Steckdose aufladen. Was deutlich länger dauert — ich war zunächst nicht sicher, ob das in der einen Nacht genug Ladung ergeben würde, um mich bis nach Aichstetten zu bringen. Außerdem zwang es mich zu zwei Extra-Wegen ins Büro. Glücklicherweise hat das dann jedoch alles geklappt, von München nach Aichstetten sind es 133 km, das Auto stand bei 194 km, als ich morgens aufbrach. Aber wenn man sich auf normalen Strom aus der Steckdose verlassen muss, darf man nicht in Eile sein. Das normale Laden dauert.

Wir fuhren mit zwei Autos, weil beide in Mailand gebraucht wurden. Eine Kollegin kam in meinem Auto mit, zwei andere waren in einem Firmen-Golf unterwegs und hatten noch den vierjährigen Sohn der einen Kollegin mit dabei. In Aichstetten an der Raststätte trafen wir uns. Auch wenn das Laden des Autos dort eine knappe Stunde in Anspruch nahm, wurde die Zeit nicht lang. Wenn man mit vier erzählenden Italienern ein Frühstück macht, geht die Zeit schnell vorbei.

Die weitere Fahrt war erfreulich. Wir stoppten — der Sicherheit halber — auch an zwei Superchargern in der Schweiz, Maienfeld und Monte Ceneri. Ich war mir nicht sicher, was der Aufstieg zum San Bernardino mit den Batterien anstellen würde, daher ging ich mit dem Halt in Maienfeld auf Nummer sicher.

San BernardinoAlles hat gut geklappt, mit einer knapp dreiviertelstündigen Pause in Maienfeld und einer Viertelstunde Kaffeepause in Monte Ceneri. Und so sind wir ohne Probleme am späten Montagnachmittag in Mailand angelangt, mit genug Restreichweite vor Ort, um auch sämtliche Stadtfahrten dort ohne Sorge zu erledigen.

Allerdings hatte die Fahrt wirklich lange gedauert. Letztlich waren wir insgesamt fast zehn Stunden unterwegs, auf einer Strecke, für die ich bislang “herkömmlich” immer runde sechs gebraucht habe. Das kann man aber nicht allein der Elektromobilität in die Schuhe schieben: es war eher die Kombination aus einer Kolonnenfahrt, bei der wir uns kaum mit mehr als 110 km/h bewegt haben, und den Ladepausen, die auch durch großes Hallo mit einer fünfköpfigen Gruppe inkl. Kind verlängert wurden. Ich plante daher schon für die Rückfahrt ein, die Sache noch einmal allein und “im Normalzustand” zu testen.

Am Dienstag ging um 10:30 h dann die elektrische Reise weiter. Ich wollte Kollegen besuchen, die in der Toskana unweit von Lucca außerhalb der Kleinstadt Camaiore eine Klausurtagung machten. Mein erster Weg nach Süden führte mich zum Melegnano Supercharger südlich von Mailand. Um die Batterien wieder voll zu machen, brauchte ich hier eine Dreiviertelstunde. Ich hatte dabei das Ladelimit auf 95% der Batterien angehoben (für den Alltagsbetrieb werden zwecks Akkuschonung 90% empfohlen — die 95% entsprechen über 370 km Reichweite). Während der Wartezeit habe ich eine Telefonkonferenz mit Kollegen absolviert, einen doppelten Espresso getrunken, die Toilette besucht und mich ca. 7 Minuten gelangweilt. Die An- und Abreise zu und vom Supercharger-Standort war übrigens insofern überraschend, als die Straße zwischen Autobahn und Hotelparkplatz ganz offensichtlich der örtliche Straßenstrich ist — zu dieser frühen Stunde schon überraschend reich bevölkert von der professionellen Belegschaft.

Die runden 250 km von hier bis zu den Kollegen habe ich dann mit gemächlichem Tempo (immer so zwischen 90 und 120 km/h) und ohne weiteres Laden zurückgelegt — auch deshalb, weil auf der Strecke keine weiteren Supercharger mehr zu finden waren. Mein Plan war es, mit genügend Ladestrom anzukommen, so dass ich mit etwas Aufladen vor Ort direkt am Haus bei den Kollegen am selben Abend bis zum nächsten Supercharger in Modena kommen würde, auch wenn Modena nicht auf der Strecke lag, sondern der erste klare Umweg wegen Supercharging gewesen wäre. Geplant war die Fahrt in die Toskana bis gegen 15 Uhr, Aufladen vor Ort, Rückreise gegen 21 Uhr, um gegen Mitternacht wieder in Mailand zu sein. Dass mir das Fahrzeug irgendwann 60 km vor dem Ziel mitteilte, dass ich nun an einen “Point of no Return” gelange, an dem der Weg zum nächsten Supercharger zu weit sein würde, beunruhigte mich dabei nur mäßig.

Die erste echte Hürde gab es aber erstmal auf den letzten Metern der Anreise — wortwörtlich. Die Kollegen hatten sich in ein hoch am Hang liegendes Häuschen eingebucht. Das Navi im Auto übernahm den Navigationspunkt, den mir die Kollegen geschickt hatten, nicht ganz 100%ig, sondern leitete mich auf einen leicht anderen Pfad, der zu den unwegsamsten Strecken gehörte, die ich je mit einem Auto befahren habe. Im guten Willen, vor Ort dort aufzukreuzen und mich nicht klein kriegen zu lassen, wuchtete ich das Zwei-Tonnen-Schiff auf irgendeinen verlorenen Acker an einem toskanischen Hang, bis mir schließlich nach mehrfachem Telefonieren mit den Kollegen und dem Abgleich zwischen Handy und Auto-Navi klar wurde, dass ich mich offenbar verfahren haben musste. Die Idee, mein erstes im Leben neu gekauftes Auto — dazu in dieser Preisklasse, am vierten Tag, in dem ich es in Besitz hatte — direkt dieser Tortur auszusetzen, erschien mir in diesem Moment schon ernsthaft bescheuert. Die Luftfederung hier auf ihre höchste Stellung zu fahren, hat sicherlich mit dazu beigetragen, dass ich Schäden am Fahrzeug verhindern konnte. Die traditionell gefederte Variante hätte wohl aufgesetzt. Jedenfalls habe ich den Tanker dann auf dem Geländepfad gewendet, bin zurückgefahren, einen anderen engen Hang hinauf geklettert und schließlich noch fast zwischen zwei wirklich eng stehenden Häusern hängen geblieben, um es dann doch endlich bis ans Ziel zu schaffen.

Via Bruciano, Camaiore

Vor Ort habe ich das Auto dann vor die Eingangstür des Hauses manövriert, um dort das Stromkabel direkt an eine normal Steckdose im Inneren anzuschließen. Und nun stellte sich das zweite Problem ein: das dürre toskanische Stromnetz bot so wackeligen Strom, dass die Software des Wagens sich mehrfach danach erkundigte, ob wir denn ein fehlerhaftes Kabel angeschlossen hätten, oder ob die Stromquelle defekt sei. Als Konsequenz ging das Nachladen so langsam vonstatten, dass die Option, in derselben Nacht noch wieder nach Mailand zurückzureisen, leider nach einigem Grübeln, Rechnen und Überlegen gestrichen werden musste. Und damit auch ein Termin, der am kommenden Morgen in der Nähe des Gardasees hätte stattfinden sollen. Stattdessen schlief ich auf der Couch und brach am kommenden Morgen um 8:30 Uhr auf, mit nun erhältlichen 302 km Reichweite auf dem Tacho.

Camaiore

Anstatt den relativ großen Umweg nach Modena zu fahren, fuhr ich die Küstenautobahn an Genua vorbei, bis nach Varazza. Auch dort steht ein Supercharger, und es erschien mir vernünftiger, diesen Umweg zu machen, als den über Modena. Wo in Melegnano die Prostituierten an der Straße standen, fand ich mich hier in einem so gut wie ausgestorbenen Yachthafen wieder. Die unterschiedlichen Locations der Supercharger sind teilweise schon kurios. Aber es hat mir auch Spaß gemacht, diese Orte aufzusuchen, zu denen ich ohne Tesla nie gefahren wäre.

Varazza

Die Stunde Aufladen habe ich für die Mittagspause verwendet, um danach auf der Reise noch einmal an der Raststätte Dorno Halt zu machen, wo ich nur kurz für runde 15 Minuten Superchargen und eine Toilettenpause gestoppt habe. Der Halt in Dorno war für mich insofern “denkwürdig”, als ich an dieser Tankstelle vor etwa einem Jahr zum ersten Mal und zufällig die Tesla-Supercharger in “freier Wildbahn” gesehen hatte. Damals hätte ich mir noch nicht vorstellen können, sie so schnell selbst zu verwenden.

Dorno

Und so war ich am frühen Nachmittag des Mittwoch wieder in Mailand. Den Donnerstag habe ich in Bezug auf CO2-Austoß in absolut irrsinniger Weise mit einem Flug nach Berlin und zurück nach Mailand verbracht (warum das so kam, kann ich hier nicht auch noch aufschreiben …). Und am Freitag bin ich um kurz nach 7 aus Mailand wieder ganz elektrisch Richtung München aufgebrochen.

Dieses Mal habe ich die Strecke ganz allein zurückgelegt, mit normaler Reisegeschwindigkeit und nur zwei Supercharger-Pausen (Monte Ceneri und Aichstetten). Und ich habe die Zeit gestoppt, die ich dafür gebraucht habe: Rund sechsdreiviertel Stunden habe ich gebraucht, was ja nicht so viel schlechter ist als die üblichen sechs Stunden im Audi. Wenn man jetzt noch bedenkt, dass ich mein Frühstück nicht in Mailand sondern auf der Fahrt während der Ladepause in Monte Ceneri gegessen habe (wo der Handy-Empfang übrigens ebenfalls recht mickrig war), kann man sagen, dass die Reise über die Alpen in fast derselben Zeit gelingt wie bislang mit dem kleinen Diesel-Audi.

Und das ist für mich der springende Punkt: mit ein wenig Üben und Kennenlernen kann man mit dem Tesla inklusive Supercharger-Netzwerk bei Fernreisen fast so zügig unterwegs sein wie mit einem herkömmlichen Auto. Und das bei (überwiegend) CO2-freier Fahrt — die Supercharger bieten grünen Strom, und man sollte natürlich auch sonst “grün tanken”. Das ist der meilenweite Vorsprung, den Tesla heute vor allen anderen Anbietern hat. Die unfreiwillige Übernachtung in der Toskana hätte sich mit etwas anderer Planung auch vermeiden lassen, und es war letzten Endes vielleicht sogar ganz gut für meine Gesundheit, nicht in derselben Nacht noch zurückzufahren. Selbst wenn von Audi (oder wem auch immer) 2018 ein E-SUV kommt — an die Alltagstauglichkeit der Tesla-Lösung werden sie noch lange nicht heranreichen. Deswegen finde ich die Firma Tesla großartig, und deswegen hat mir die erste Woche mit meinem Tesla enorm Spaß gemacht. Nicht nur das Fahren mit dem Auto ist ein Spaß, sondern grade auch das Wissen darum, dass man elektrisch dorthin fährt, wo bislang nur Verbrenner hinkamen, erzeugt ein ganz eigenes Vergnügen, das man nirgends sonst bekommen kann.

Noch ein paar weitere allgemeine Beobachtungen:

  • Die Navi-Anzeige im Armaturenbrett neben dem Tacho gefällt mir nicht so recht, damit habe ich immer wieder kleinere Probleme gehabt. Eine detailliertere Ansicht bei komplexen Kreuzungen würde ich mir wünschen.
  • Die Logik des Navis mit den Superchargern ist manchmal sonderbar. Für jede längere Reise, die man antritt, berechnet das Navi nicht nur die Wegstrecke, sondern auch die Supercharger, die man ansteuern muss. Dabei scheint das System zwei Dinge besonders hoch zu priorisieren: Verhindern von “Range Anxiety”, also absolutes Auf-Nummer-Sicher-Gehen. Und lieber weniger Stopps und dafür längere Umwege. Ich habe mehrfach erlebt, dass mir die aus meiner Sicht bessere Route nicht angeboten wurde. Und alternative Routen kann man dem System nicht abgewinnen, man muss dann schon selbst direkt zum Supercharger navigieren, den man nutzen möchte und von dort dann weiter zum nächsten Ziel. (Man kann allerdings das Navi auch bitten, bei einem gegebenen Ziel die Berücksichtigung von Superchargern wegzulassen, wenn man sie selbst schon kennt.)
  • In Lucca oder Pisa konnte ich auch deswegen keinen Strom tanken, weil ich vom ortsansässigen Stromnetzbetreiber keine Mitgliedskarte hatte. Stromkonzerne gehen halt davon aus, dass Elektromobilität eine innerstädtische Angelegenheit ist, daher nehmen sie gar nicht an, dass ein Deutscher mit einem Elektroauto irgendwo in der Toskana Strom brauchen könnte. Ich würde mir sehr wünschen, dass das bald anders wird, und dass man auch spontan mit einer Kreditkarte Strom an öffentlichen Säulen wird tanken können.
  • Frank meinte bei unserem Gespräch, dass man sich an den Superchargern schon ein wenig wie in einem Club fühlen würde, man würde fast immer ins Gespräch mit anderen Tesla-Fahrern kommen. Ich habe das überhaupt nicht erlebt, mein Eindruck war eher, dass der eine oder andere seine persönliche Exklusivität unterminiert fühlt, wenn da auch noch zwei andere Model S am Supercharger stehen — “ach Mensch, nun bin ich ja nur noch einer von vielen”. Auch Gespräche mit Passanten, vor denen Frank “gewarnt” hatte, gab es bisher keine. Es bleiben zwar immer wieder Leute stehen und gucken interessiert, ein Herr in einem Mini gab mir an der Ampel auch schon mal den Daumen hoch, aber angesprochen hat mich bisher niemand. Nur die Kollegen sind alle neugierig.
  • Ich weiß nicht, ob mein Auto die angegebenen 225 km/h schafft. Ich hab’s bisher nicht ausprobiert und bin auch gar nicht so neugierig. Das ist schlicht weniger wichtig. Bis 180 km/h bin ich zwischenzeitlich gekommen und habe mich dabei nicht ganz so wohl gefühlt wie im kleinen Audi. Das mag aber auch daran liegen, dass ich den in- und auswändig kenne und immer Fronttriebler gefahren bin. Nun habe ich mit einem zwei Tonnen schweren Amerikaner mit Hinterradantrieb zu tun … das ist halt was anderes.

Meine Zusammenfassung der ersten Woche und den über 2000 km: auch wenn es eine harte Tour ist, ein nagelneues und teures Auto direkt so durch die Gegend zu bewegen, bereue ich nicht, das gemacht zu haben. Es ging mir beim Umstieg auf das Auto vor allem darum, mir selbst und anderen im Alltag zu zeigen, wie weit man ernsthaft mit einem E-Auto dieser Art heute kommen kann. Der Tesla muss mein bisheriges Auto ersetzen, sonst hat er keinen Sinn. Deswegen war es richtig, die Tour gleich zu machen. Ich brauche kein Auto für die Vitrine, sondern letztlich einen Alltagsgegenstand.

Was mir auch aufgefallen ist: mit dem Auto erlebt man eine andere Art des Reisens. Pausen werden länger und wichtiger. Man reist mit mehr Ruhe. Das Fahren wird entspannter. Das mag zu meinem Alter passen, oder zu einer sich ändernden Welt, aber für mich ist das ebenfalls ein Vorteil des Autos, kein Nachteil. Anstatt verbissen mit 160-190 km/h auf der linken Spur zu fighten, sitze ich bei 120 km/h und Tempomat auf der rechten Spur, komme auch nicht viel später an und erfreue mich daran, bei der Ruhe im Auto meine geliebten NPR-Podcasts hören zu können. Wenn schon Indiviualverkehr auf der Langstrecke, dann so.

Ich bin nach einer Woche Tesla mehr als angetan von dem Auto und bereue die Anschaffung in keinster Weise.

Nachtrag: beim “Leumund” gibt’s einen sehr ausführlichen Mietwagentest mit einem P85D (also mehr Leistung und Allradantrieb). Ihn hat das Fieber offenbar nicht erfasst. Naja, muss ja nicht für jeden sein.

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(*) Dass sich Marktbeobachter deswegen dazu verleiten lassen, den Tesla Model S als (ernsthafte) Konkurrenz für S-Klasse, Audi A8 und BMW 7er anzusehen, ist daher zwar nachvollziehbar, aber aus meiner Sicht ein Irrtum: ich glaube, dass Menschen, die sich für einen Tesla erwärmen, ihn nur selten als Alternative zu diesen Luxusschlitten sehen. Und wer sich für die drei Fahrzeuge deutscher Herkunft interessiert, wird wohl kein Elektroauto haben wollen. Einen Tesla kauft man, weil man ein wirklich anderes Auto will. Eines, dessen Antriebskonzept noch immer Experimentierbereitschaft erfordert. Jedenfalls sehe ich das so. Tesla-Eigner, die von den deutschen Luxus-Marken kommen, können mir aber gern in den Kommentaren widersprechen …

Kommentare

  1. Sehr cool, einen Vernunftstesla kaufen und damit auch vernünftige Dinge tun. Danke für deinen Erfahrungsbericht. Ich hatte im Sommer mal einen Tag lang ein P85D gemietet, dort fand ich das ganze einfach zu extrem. Ich bin damit auch über 220km/h gefahren, aber dafür ist das Auto nun wirklich nicht erfunden worden. Scheint aber ein Ami-Wagen-Ding zu sein. Mit dem vorletzte Woche in den USA gemieteten Mustang Baujahr 2015 haben sich alle Geschwindigkeiten über 120km/h abenteuerlich angefühlt.
    Zum Navi habe ich an meinem Testtag auch meine Meinung gebildet. Gerade wenn man gemütlich über Land fahren will gibt es nur eine Lösung, das iPhone mit einer Navi-App starten. Der Tesla findet immer den schnellsten Weg auf die Autobahn zurück.

    Wünsche Dir weiterhin eine gute Fahrt und immer einen Supercharger im richtigen Moment.

  2. Schöner Bericht, aber: Wie sieht konkret die Bilanz der CO2-Emissionen im Rahmen der Herstellung des Tesla im Verhältnis zum “grün” erzeugten Strom für den Tesla-Antrieb aus (hochgerechnet auf die über viele Jahre addierte Gesamtfahrleistung eines einzelnen Fahrzeuges)?

    • Bin nicht sicher, ob ich ganz verstehe: die Tesla-Ökobilanz im Vergleich zur Bilanz bei der Herstellung eines vergleichbaren herkömmlichen Autos? Denn das müsste man ja vergleichen, oder nicht?

  3. Hi Martin, Congrats. Wie geht’s? I have driven 60,000 km in my Tesla. What a great experience! Cheers, Sven, your old dutch friend

    • Hey Sven! Very long time no hear! Nice to know you’re on board as well! :)

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  1. Tesla-Tests, Vater mit 60 und der neue Carponizer – die Links der Woche vom 23.10. bis 29.10. | Männer unter sich - 30. Oktober 2015

    […] Auto. Hochinteressanter Erfahrungsbericht mit einem Tesla. Und hier noch ein anderer, nicht ganz so begeisterter […]

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