“Liken” ist für Feiglinge. Geh’ dahin, wo es weh tut.

So lautet der Titel von Jonathan Franzen’s furiosem Text über Liebe, “Liken” und Geräte in Zeiten der digitalen Revolution. Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren einen besseren, aufwühlenderen und inspirierenderen Text über unser derzeitiges Sein gelesen zu haben. Ich wünschte, dass jeder, der ständig nur davon labert, ein “Social Media Enthusiast” zu sein, diesen Text liest und danach eine Weile lang einfach mal still hält.

Ich zitiere hier nur zwei Auszüge, und bitte darum, den Rest komplett und vollständig bei der New York Times lesen, denn die Auszüge können ja nur neugierig machen, aber nicht ansatzweise vermitteln, was der Text verständlich macht:

To speak more generally, the ultimate goal of technology, the telos of techne, is to replace a natural world that’s indifferent to our wishes — a world of hurricanes and hardships and breakable hearts, a world of resistance — with a world so responsive to our wishes as to be, effectively, a mere extension of the self. Let me suggest, finally, that the world of techno-consumerism is therefore troubled by real love, and that it has no choice but to trouble love in turn.

Je mehr es der Technik um uns herum gelingt, uns jeden Wunsch von unseren Augen abzulesen, auch die kleinsten Gesten auf kleinen und großen Displays sofort in Gehorsam und ein Ergebnis umzuwandeln, um so mehr wird durch diese Sofortigkeit der Wunscherfüllung die wahre Liebe – das, was nicht ohne Mühe zu haben ist – in Bedrängnis geraten.

A related phenomenon is the transformation, courtesy of Facebook, of the verb “to like” from a state of mind to an action that you perform with your computer mouse, from a feeling to an assertion of consumer choice. And liking, in general, is commercial culture’s substitute for loving. The striking thing about all consumer products — and none more so than electronic devices and applications — is that they’re designed to be immensely likable. This is, in fact, the definition of a consumer product, in contrast to the product that is simply itself and whose makers aren’t fixated on your liking it. (I’m thinking here of jet engines, laboratory equipment, serious art and literature.)

Dass das “Mögen” von Dingen kein Zustand mehr ist, in dem wir uns befinden (“Ich mag diese Schallplatte oder jenes Gemälde.” Bedeutet: wochenlang, monatelang, vielleicht mein ganzes Leben lang), sondern dass daraus eine abggegrenzte Aktivität geworden ist, die letztlich eher das Archivieren und damit Zurseitelegen von Dingen bezeichnet, ist schon allein eine bemerkenswerte Beobachtung. Aber es geht weiter – Franzen erklärt uns, dass Consumer Products nichts anderes wollen als ganz enorm gemocht zu werden. Im Gegensatz zu den Dingen, die nicht dafür hergestellt werden. Und nicht überraschend führt er dabei seine eigene Kunst, die Literatur, mit auf. Denn wahre Literatur entsteht ja nur, wenn der Autor nicht zwanghaft versucht, gemocht zu werden, sondern Dinge zu beschreiben versucht, die seiner Ansicht nach des Ausdrucks bedürfen. Ich bin nicht sehr belesen zu Themen, die um Literatur oder Kunst kreisen, und so überrascht mich dieser Absatz schon allein aufgrund seiner unglaublichen Klarheit in der Erklärung dessen, warum ein Apple-Design eben niemals Kunst sein kann.

Vor allem aber, und damit geht es anschließend weiter, weist Franzen in den folgenden Sätzen darauf hin, dass bei Menschen der unbedingte Wille, gemocht zu werden, letztlich dem charakterfreien Narzissten zu eigen ist, den nur der äußere Schein und die Meinung der anderen interessiert. Und auch wenn man natürlich nicht den direkten Vergleich zwischen einem Handy und einem Menschen machen kann, so beobachte ich doch auch eine gewisse Charakterlosigkeit in all den Geräten, die um uns herum das Leben schöner, einfacher, digitaler, medialer und so weiter machen.

Ich würde noch gern noch lauter andere Dinge aus diesem Text zitieren, und sie ebenso unzulänglich wie oben bereits versucht zu deuten und zu interpretieren – grade zum Ende hin, wenn Franzen das Wesen wahrer Liebe beschreibt. Aber das ist ja Unsinn, lest den Text selbst. Nicht alles daran ist richtig, aber fast alles darin ist wichtig, und es ist der inspirierendste Text, der mir seit langem untergekommen ist.

 

Kommentare

  1. I liked Jonathans text, aber Du solltest einfach wieder mehr Lesen. Es gibt viele inspirierende Text auf toten Bäumen ;-)

  2. @Sascha Ja in der Tat. Ist mir auch schon aufgefallen …

  3. Ein Mußbuch für Berater, das ich im März auf dem Flug von und nach Indien gelesen habe: Hillary Mantel – Wölfe http://www.amazon.de/W%C3%B6lfe-Hilary-Mantel/dp/3832195939

  4. Oh, da muss ich aber jetzt erstmal ganz dringend darauf hinweisen, dass ich kein Berater bin. :)

  5. Ich liebe die Romane von Franzen. Aber du weisst schon, dass das “like” von FB nicht nur “mögen”bedeutet, sondern das man den jeweiligen Content für “erwähnenswert” oder inhaltlich wertvoll hält. Ein Meldung über einen Tsunami, die ich “like” heisst ja nicht, dass mir Tsunamis gefallen. Wenn man jede Information unter diesem Aspekt persönlich als “inhaltlich wertvoll” vermerken kann – das empfinde ich als Fortschritt. Früher musste man dafür Leserbriefe schreiben.

  6. @Frank_krings Du argumentierst aus der Logik von Facebook. Franzen argumentiert aus der Logik der Sprache. Und genau darum geht es ja – dass wir uns von Facebook für Begriffe neue Bedeutungen aufdrängen lassen. Es ist eigentlich absurd, dass man Meldungen zu Tsunamis “liken” kann.

  7. Weisst Du was? Ich glaube du hast irgendwie recht. Habe jetzt via FB gesehen, dass ein Freund von mir soeben Vater geworden ist. Und zig Leute klicken nur “gefällt mir”. Und “gefällt mir” ist doch ein verdammt schwacher sprachlicher Ausdruck für so ein Ereignis, oder? Ich finde es ja auch schade, dass Blogeinträge immer weniger im Blog kommentiert sondern via FB geliket werden. Aber bei aller FB-Skepsis: Ich halte FB für ein lernendes System. Die Beschränkungen in Kommunikation, Design (ich muss Picscatter nutzen um meine Gallery aufzuhübschen – lächerlich) uvm – die werden mit der Zeit aufgelöst. Bald sieht jedes Facebook-Profil / jede Fanpage wie eine eigene Website aus. Und FB wird das kluge Internet im Internet. Das semantische, sozial vernetzte Web 3.0 sozusagen. :-)

  8. @frank_krings Die Sache mit dem lernenden System … prinzipiell prima, aber da kommen wir zu einem ganz anderen Problem: dass Facebook das Web aushölt. Die Idee des Internets bestand doch darin, dass wir auf dezentralen Servern alle am großen Ganzen mitwirken können, ohne, dass einer das Sagen hat. Indem jetzt so viel Aktivität auf die Server von Facebook wandert, machen wir letztlich die alte Idee des offenen Internets kaputt, das keinen Herrn und keinen Knecht kennt. Wenn wir alle alles im “lernenden System” Facebook machen, dann ist das letzten Endes der geschlossene Garten eines AOL 2.0. Und das finde ich mindestens ebenso traurig wie das Problem mit dem “Liken”. Wenn nicht trauriger. Das ist übrigens der Grund dafür, dass ich auf Facebook so gut wie überhaupt nicht aktiv bin. Hab das hier mal ausführlicher beschrieben:http://carta.info/27631/die-macht-ist-stark-in-ihnen-ein-persoenlicher-romant

  9. Facebook und Jedis? Wenn wir die Expansion von Facebook ins restliche WWW mal weiterspinnen: Das wird eine digitale Welt, die an die dystopischen Sci-Fi-Filme der 80er erinnert: In “Robocop” oder “Die Klapperschlange” gehören ganze Städte einem anonymen Konzern, der die Regeln aufstellt und über “drinnen” und “draussen” bestimmt. Widerstände gibt es nur von illegalen Gangs, die im unwirtlichen, kargen Outback hausen… Übertragen auf Facebook: Du hast ja recht. Jede Fanpage zb ist alles andere als öffentlich. Du musst auf FB registriert sein und sie “liken” um mitreden zu können. Und als Admin einer Fanpage kann ich deine Beiträge jederzeit löschen und dich für immer verbannen. Ich kann sogar – jetzt wird´s echt gruselig – via Filter bestimmen, welche Wörter auf der Fanpage nicht gepostet werden dürfen. Fanpage – my little North Korea. Aber wenn Facebook nicht lernt, dass die Restriktionen nerven, wird es ernsthafte Konkurrenz geben. Diese Saubermann-Mentalität hat Steve Jobs “Appstore” ja das freizügigere Android-OS beschert. Und FB bekommt demnächst Diaspora ( https://joindiaspora.com/ ) oder Altly ( http://blog.altly.com/ ) als Konkurrenz? Bin mal gespannt wie sich das entwickelt.An Dystopien glaube ich ja nicht so…

  10. @frank_krings Das Problem sind nicht die Admins von Fanseiten. Das Problem sind die Admins von Facebook! Facebook itself = my little North Korea. DAS ist das Problem.

  11. Was hat uns Facebook bisher für das Social Web gebracht? http://www.youtube.com/watch?v=BbOedZN3Sb4 ;O)

  12. Wie gerade (viel zu kurz) getweeted:Bei allem Verständnis für vehalten misanthropische Kulturkritik denke ich, dass ein Großteil der Sprachverhunzung durch die Tatsache entsteht, dass einem die Plattform Facebook – andere auch – meist nur ein Verb zur Verfügung stellt. Es ist logisch, dass semantische Feinheiten da plattgebügelt werden.XING verwendet z.B. neuerdings “findet interessant” (vermutlich um genau das missverständliche “like” zu vermeiden). Aber das ist oft auch unpassend, wenn man eigentlich “i like” sagen will – was ja gelegentlich durchaus gewollt ist. Und manchmal möchte man einfach nur ein “fein gemacht” rübergeben oder ein “fühle mit dir” oder …Bei mir ist es eher so, dass mir sprachliche Vielfalt in dem einen Klick fehlt. Aber oft gibt es ja auch die Möglichkeit, einen kurzen Kommentar zu schreiben. Wenn der Mensch an sich nur nicht so (schreib)faul wäre :)

  13. @Markus Da rettest Du Dich am Ende aber grade noch so … denn das dachte ich beim Lesen Deines Kommentars schon: soll er doch einfach seine differenzierte Emotion kommentieren, der faule Hund. ;)

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