Jahrestreffen der Globalen Arschloch-Lobby.

Die folgenden Textauszüge entstammen einer Mitschrift vom Jahrestreffen der globalen Arschloch-Lobby. Sie wurden uns anonym zugespielt und werfen ein erstes Licht auf die öffentlich bislang wenig bekannten Aktivitäten dieser Vereinigung, die mittlerweile in immer größerem Ausmaß Einfluss auf die Geschicke der Menschen in fast allen Ländern der Erde nimmt. In Politik und Gesellschaft werden zunehmend Entscheidungen gefällt, die dem unbedarften Betrachter als äußerst schwer nachvollziehbar erscheinen. Die folgenden Zeilen aus dem Protokoll machen nun zum ersten Mal klar, dass hinter manchen Entscheidungen offenbar doch ein — zumindest in gewisser Weise — nachvollziehbares Kalkül steckt.

“(…)

Lassen wir nun einen Vertreter aus Europa zu Wort kommen, der über sehr positive Entwicklungen in der europäischen Politik berichten kann:

“Erfreulicherweise können wir feststellen, dass wir schöne Fortschritte bei der Zersetzung der europäischen Union machen. Diese Union, als Werk des Anstandes und als wichtige Errungenschaft der Zivilisationsgeschichte, ist uns Arschlöchern ja bekanntlich schon lange ein Dorn im Auge. [Nachdrückliche Buh-Rufe aus dem Publikum.] Danke danke, wir sind einer Meinung. Unsere harte Arbeit an der internen Verwesung der EU durch aggressives Lobbying für allgemein alberne Gesetzgebung und spaltende Fiskalpolitik hat nach unseren langen Mühen nun dazu geführt, dass tatsächlich zum ersten Mal in wirklich nennenswerten Zahlen antieuropäische Kräfte ins europäische Parlament gewählt wurden. Insbesondere unsere Freunde in Frankreich und England haben ganze Arbeit geleistet. Wir sind stolz darauf, dass dort wirklich tüchtige und kompetente Gruppierungen aus unseren Reihen nun direkt vor Ort auch im Parlament daran mitwirken können, hier wirklich beschissene menschenverachtende Politik, noch schlechtere Bedingungen für alle Bürger in Europa und allgemein ein Ende der Union durchzusetzen.”

[Anhaltender Applaus der Delegierten.]

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[Wortmeldung aus Deutschland:] “Auch wenn wir leider feststellen müssen, dass aus unseren Reihen nur wenige Abgeordnete nach Brüssel gehen, können wir trotzdem im nationalen Diskurs in Deutschland immer wieder kleine aber wichtige Erfolge verzeichnen. Insbesondere die ‘Man-wird-ja-wohl-noch-sagen-dürfen’-Untergruppierung mit dem Sarazin-Arbeitskreis findet stetig steigenden Zuspruch in immer breiteren Teilen der Bevölkerung und hilft dabei, unserer Agenda auch in Deutschland Vorschub zu leisten. ["Hört hört" aus den Reihen der UKIP-Vertreter und des Front National.] Was wir gern als “Best-Practice Case” aus dieser Vereinigung auch den Kollegen in den anderen Ländern vorschlagen wollen, ist der äußerst geglückte ‘Die-Meinungsfreiheit-ist-bedroht!’-Ansatz. Er erweist als immer erfolgreicher beim Verbreiten diskriminierender, volksverhetzender, oder anderweitiger Meinungen unserer Bewegung und kann sicherlich weltweit Anwendung finden. Der Mechanismus ist schnell erklärt: man äußert öffentlich eine für das allgemeine Arschlochtum wichtige These, die natürlich von der völlig gutgemenschten Öffentlichkeit sofort mit Kritik überzogen wird. Genau diese Kritik kann man geschickt abwehren, indem man sich nicht inhaltlich damit auseinandersetzt, sondern einfach spontan aufschreit, hier liege nun offensichtlich ein Angriff auf die Meinungsfreiheit vor. Was natürlich in Wahrheit völliger Blödsinn ist, denn deren Idee der freien Meinungsäußerung müsste ja auch freie Kritik an ihr ertragen, aber das ist uns natürlich egal. [Freudiges Gelächter aus dem gesamten Publikum.]

(…)

“Die harte Arbeit unseres Kollegen Vladimir darf an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Virtuos spielt er auf der Klaviatur unsere Bewegung und ist in der Lage, mit seinen gekonnten Schachzügen in der Ukraine nicht nur unsere wichtigsten Interessen in der Region durchzusetzen, sondern zugleich hält er die gesamte Welt in Atem und schafft damit große Sichtbarkeit für die Anliegen unserer Runde. Wir sehen seine Verdienste als so groß an, dass wir ihm hiermit unseren Kim-Jong-Kreativitäts-Preis für seine aktuellen Verdienste verleihen, als ideenreichstes Arschloch des Jahres 2014.”

[Anhaltender brandender Applaus, stehende Ovationen aus dem Publikum. Faustschläge, Schlägereien, gegenseitiges Anpinkeln.]

“Das bringt uns natürlich fast automatisch zu den USA. Nachdem wir ja unter George W. Bush einen in den 90ern noch fast unmöglich geglaubten Support aus Washington erhalten und wirklich starken Aufwind für unsere Bewegung haben sehen können, erschien die Wahl im Jahr 2008 als herber Rückschlag. Aber lassen wir zur aktuellen Lage unseren Kollegen aus Washington zu Wort kommen.”

“Danke für das Wort, vorsitzendes Arschloch. Ja, ich gebe zu, auf dem Papier sah es zunächst nicht gut aus, nachdem dieser offenbare Gutmensch und Demokrat Obama ins Amt gewählt worden war. Aber wir können mittlerweile mehr als aufatmen. Zunächst mal gehen unsere Bemühungen um antidemokratische Unterwanderung des gesamten Internets durch NSA und Co. völlig unverändert voran. Und wir sind, ehrlich gesagt, auch ein wenig stolz darauf, dass wir damit solch einen großartigen Beitrag für unsere Bewegung leisten. [Spontaner Applaus aus dem Publikum.] Wir hatten zunächst befürchtet, dass die neue Regierung hier störende Riegel vorschieben würde — denn mit Verfassungsmäßigkeit hat das, was wir da tun, natürlich absolut nichts zu tun [allgemeines heiteres Gelächter aus dem gesamten Auditorium] — aber überraschenderweise ist nichts in der Richtung passiert. Der unliebsame Herr Snowden schien ja — darin waren wir uns alle einig — zunächst ein gravierendes Problem für unsere Bewegung darzustellen. Aber die absolute Passivität entscheidender betroffener Länder — besonderer Dank dafür auch an die Kollegen aus Deutschland, die hier mit fabelhafter Lobbyarbeit wirklich Beispielhaftes leisten! [Applaus, Heil Hitler-Rufe] — sowie die bewundernswerte Sturheit der Regierungsapparate in den USA und bei unseren Freunden in England [Hurrah-Rufe der englischen Delegation] nutzen letztlich die Enthüllungen von Snowden auf die für unsere Bewegung bestmögliche Weise. Sie machen deutlich: Da sind Arschlöcher am Ruder, sie benehmen sich als solche, und Ihr könnt Euch mit Euren Ideen von Freiheit, Verfassung und Anstand auf den Kopf stellen und in Eure Medien reinjammern, was Ihr wollt: wir haben die Sache im Griff!

[Applaus, Gejohle, Mobiliar geht zu Bruch.]

Danke, danke! Erlaubt mich noch kurz auf unser Drohnenprogramm, unseren harten, zähen Kampf gegen die Gesundheitsreform, die großen Leistungen der Kollegen von der Tea Party, die immer weiter klaffende enorme Schere zwischen Arm und Reich, sowie unseren vorbildhaften Umgang mit dem Finanzsystem an der Wall Street hinzuweisen, und feiert mit mir, wenn ich Euch zurufe: Ja, wir sorgen weiterhin dafür, dass auch die USA ihr Arschloch stehen und weiterhin dabei mitwirken, Chaos auf hohem Niveau anzuzetteln und den Menschen immer wieder die Lebensbedingungen zu verschlechtern!”

[Der Saal applaudiert, es bricht Chaos aus, die Mitschrift ist ein Stück weit lückenhaft.]

(…)

“Unerwartet war der aktuelle Support aus Lateinamerika. Wir hatten, wie so oft, befürchtet, dass eine allgemeine Welle positiver Stimmung aufgrund der Fußballweltmeisterschaft viele Länder der Erde ergreifen würde. Da ist uns insbesondere die Fußball-WM 2006 in Deutschland noch in sehr schlechter Erinnerung. [Betretene Minen bei der deutschen Delegation.] Dass aber unsere mehr oder minder komplette Durchdringung der FIFA nun im Zusammenspiel mit den Kräften vor Ort dafür gesorgt hat, dass das Turnier nun sehr kausal mit wirklich erfreulichen menschlichen Katastrophen unter der armen Bevölkerung in Brasilien verknüpft werden kann, ist ein überraschender Erfolg. Ganz allgemein sind wir, was unsere intensive Zusammenarbeit mit der FIFA betrifft, ohnehin wirklich mehr als zufrieden.”

(…)

“Nordkorea zu erwähnen, wäre an dieser Stelle letztlich nichts anderes als Tauben nach Athen zu tragen, so leuchtend strahlt das Vorbild der Kollegen dort. Wenn es gilt, der Welt zu zeigen, wie man sich richtig als Arschloch benimmt, macht unseren Freunden in der Regierung in Nordkorea weiterhin kaum jemand etwas vor. Andererseits sind andere Regierungen dabei, hier durchaus am Thron zu rütteln. Aus dem Anlass der besonderen Erfolge der syrischen Regierung und als Wertschätzung der großen Leistungen in diesem Bereich wollen wir deswegen hiermit unseren Kollegen aus Syrien den Tian’anmen-Nationen-Preis für größte Erfolge bei Zerstörung der öffentlichen Ordnung, des Friedens und des friedlichen Zusammenlebens im eigenen Land verliehen.

[Applaus, Randale, Tumulte im Saal ... der Vorsitzende verschafft sich mit Mühe Gehör.]

Liebe Kollegen! Ich weiß die Aggressionen und gegenseitigen Tätlichkeiten unter all den Arschlöchern im Raum durchaus mehr als zu schätzen, muss aber als beispielhaftes Vorbild nun die Türkei erwähnen und bitte dafür noch um einen Moment um Aufmerksamkeit. Bei der Entscheidung für den Tian’anmen-Nationen-Preis hat die Jury lange mit sich gerungen und auch einige Gewalttaten ausgetauscht. Denn das, was derzeit von der türkischen Regierung geleistet wird, ist alles andere als zu verachten. Letzten Endes zog Syrien dann doch aufgrund der resoluten Konsequenz in der Umsetzung davon — als ehrenvolle Erwähnung sollte der Kollege Erdogan und grade auch sein charmanter Assistent mit dem harten Fuß jedoch 2014 durchaus im Gedächtnis bleiben.

[Der Geräusch- und Gewaltpegel im Saal schwillt stetig an, der Vorsitzende bemüht sich redlich darum, ein halbwegs ordentliches Ende der Sitzung zu gestalten.]

[Rufend:] Bitte beachten Sie: der Arbeitskreis “Religion als Spitzenvorwand des internationalen Arschlochtums”, geleitet von den Kollegen der Al-Quaida, hat entschieden, in diesem Jahr einen komplett eigenen Kongress auszurichten, da die Herren dort ihre Arbeit mittlerweile als völlig eigenständige Disziplin der globalen Arschlochigkeit betrachten. Bei der Veranstaltung wird dann auch der diesjährige Global Achievement Award an ISIS verliehen. Allerdings muss ich festhalten, dass wir eine Spaltung der Arschloch-Bewegung im Sinne der gemeinsamen Stoßkraft für wenig produktiv halten und diese Entwicklung nicht gutheißen können, denn …

[Schüsse im Saal, ein Kronleuchter fällt zu Boden, es gibt Tote.]

Das uns zugespielte Dokument endet hier.

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Inspiriert durch diesen Tweet. Ich bin auf Twitter @oetting.

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