“Is Google going Daimler-Benz?”

Erinnert sich noch jemand an Daimler-Benz in den frühen 80er Jahren? Damals wollte Edzard Reuter – der Sohn des ehemaligen Berliner Bürgermeisters Ernst Reuter – aus dem Autohersteller Daimler-Benz einen Technologiekonzern schmieden, der vom Fahrrad bis zur Weltraumkapsel alles bauen kann, was Ingenieurskunst erfordert. Er war mit dem Ziel, einen sehr diversifizierten Konzern zu bauen, nicht allein. Zu der Zeit war es große Mode, Unternehmen “breit aufzustellen”. Es ging nicht darum, sich auf Kernkompetenzen zu konzentrieren, sondern um das Gegenteil: möglichst eine breite Palette an Produkten und Leistungen anbieten, um sich gegenseitig stützen zu können. Volkswagen besaß zu der Zeit beispielsweise auch den Schreibmaschinenhersteller Triumph-Adler (wenn ich mich richtig erinnere).

Die Versuche, solche horizontalen Unternehmen zu bauen, scheiterten fast ausnahmslos – die vielleicht einzige und damit umso erstaunlichere Ausnahme ist vermutlich General Electric. Die haben’s hinbekommen. So gut wie alle anderen nicht und sind reumütig zu ihrem Kerngeschäft zurückgekehrt. Und die Aktionäre haben die Diversifizierung lieber in ihrem Portfolio vorgenommen als in den Unternehmen selbst.

Ich frage mich, ob wir so etwas vielleicht auch im Web beobachten können. Oder vielleicht wünsche ich mir das auch nur. Aber mir scheint, als ob Google vielleicht ein wenig in die Daimler-Benz-Falle läuft. Es gibt eine Kernkompetenz, die das Unternehmen hat. Und die besteht darin, Daten zu organisieren und zu sortieren. Es gibt eine andere, die hat es nicht. Das ist die Organisation von Beziehungen zwischen Menschen. Nun versucht man, mit Wave und Buzz, mit viel Aufwand in dieses Feld vorzurücken. Aber irgendwie wirkt das immer bemüht und nicht wirklich ausgereift. Das liegt wohl daran, dass sich andere allein auf dieses Thema fokussieren, nichts anderes mitschleppen müssen und daher einfach konzentrierter und besser an der Sache arbeiten können.

Und ich finde, dass das so auch gut ist:

  • Ich möchte Google nutzen, weil ich deren Suche vertraue.
  • Ich will auf Twitter twittern.
  • Mein Rechner ist von Apple, denn es macht Spaß, mit Apple-Rechnern zu arbeiten.
  • Facebook ist nett, um alte Bekanntschaften wiederzubeleben.
  • Mein Handy ist auch von Apple – aber das muss sich absehbar ändern, denn ich mag nicht, dass Apple die gesamte Kette vom Medienladen über den Rechner bis zu meinem Handy/mobilen Datengerät kontrolliert.
  • Meine Business-Kontakte habe ich lieber auf XING.
  • Ich maile über meinen beruflichen Account und über einen privaten, für den ein Freund von mir das Hosting verantwortet.

Ich möchte keinen Riesenkonzern, der alle diese Dinge vereint und überblickt und überwacht. Sondern ich will das schön getrennt haben. Aus zwei Gründen:

1) Weil es nie gut ist, wenn man seine ganzen Daten nur einem einzigen Anbieter anvertraut.

2) Weil ein einzelner Anbieter eben nie in allen Disziplinen so gut sein kann wie einzelne, die sich fokussieren und spezialisieren. Das galt für Daimler-Benz vielleicht genauso wie es heute für Google gilt.

Natürlich denken viele, dass die Liste oben irgendwann doch an einer Stelle zusammenlaufen wird – dann haben wir das Facebook-Handy, über das berufliche und private Kontakte laufen, wo ich mit Facebook-Währung meine Musik kaufe, das dank der ausgefeilten Filterfunktionen über den “social graph” auch eine personalisierte Suche hinbekommt, das also alles andere ebenso vereint. Dieses Szenario bereitet den Leuten bei Google wohl Sorge, und deswegen treiben sie den ganzen Aufwand.

Ich hoffe dennoch, dass im Web wie bei den Technologiekonzernen gilt, dass unterschiedliche Kompetenzen auch unterschiedliche Unternehmen erfordern.

Kommentare

  1. “Do what you do best…” Stimmt!

  2. Vielleicht hilft es, die Dinge die passieren nicht immer gleich nach einem halben Tag als solche zu beurteilen zu denen sie die Presse macht. Ob Buzz ein ernsthafter Angriff gegen Twitter und Facebook ist wird sich meiner Meinung nach erst zeigen müssen. Das Potential von Wave musste sich mir auch erst erschließen und mittlerweile liebe ich es. Vielleicht ist aber Wave auch dauerhaft nur etwas für eine bestimmte Zielgruppe, genauso vielleicht auch Buzz. Ich hätte nichts dagegen weil ich nicht das Gefühl hab dass es Google ein Bein bricht, wenn eine der beiden Dienste nicht das “next best thing” wird.Im Grunde geht es mir wie Dir (nutze ähnliche Dienste aus ähnlichen Gründen), nur dass ich mich offenbar weniger von der $Unternehmen-Allmacht verfolgt fühle und mein iPhone einfach deshalb am liebsten nutze weil es für mich die beste Lösung bietet. Ob es nun heute von Apple oder morgen von Google kommt ist mir dabei ziemlich egal.Diese Gefahr der Allmacht einzelner Konzerne besteht zweifelsohne, sie wird aber immer mehr davon bestimmt sein wie gut die einzelnen Dienste und Produkte sind. Das zeigt sich jetzt mehr denn je.

  3. @Frank “Vielleicht hilft es, die Dinge die passieren nicht immer gleich nach einem halben Tag als solche zu beurteilen zu denen sie die Presse macht.” Ja, da ist natürlich absolut was dran. Ich wollte hiermit auch nicht am allgemeinen “Google-Bash-Hype” mitwirken, sondern es sollte schon eine etwas allgemeinere Bemerkung sein – nur eben im Kontext.

  4. Die Abneigung, alle genutzten Dienste bei einem einzigen Anbieter zu bündeln, kann ich gut nachvollziehen.Die einleitende Feststellung, dass breit diversifizierende Unternehmen “fast ausnahmslos scheiterten”, ist aber etwas übertrieben. Erfolgreiche Mischkonzerne wie Matsushita (http://de.wikipedia.org/wiki/Matsushita), Samsung (http://de.wikipedia.org/wiki/Samsung) oder Mitsubishi (http://de.wikipedia.org/wiki/Mitsubishi) zeigen, dass es auch so gehen kann. Auch die Wandlung von Amazon vom reinen Buchverkäufer zum Riesen-Gemischtwarenladen – damit hier nicht nur fernöstliche Beispiele stehen – würde ich als erfolgreich einschätzen. Letztere halten sich imagemäßig übrigens immer noch beachtlich gut, obwohl die auch allerhand von uns als Kunden wissen…

  5. @Elmar In manchen asiatischen Märkten gibt es in der Tat diese riesigen Konzerne (heißen sie Keiretsus, in Korea?). Und sie funktionieren. Das liegt wohl auch daran, dass sie in Gesellschaften eingebettet sind, die nach etwas anderen Regeln funktionieren als bei uns. Aber klar – sie konkurrieren international, und das mit Erfolg. Aber mein Eindruck war bislang, dass zumindest in den westlichen Industrieländern die Diversifizierung nicht so gut funktioniert hat.Amazon ist nicht einfach einzusortieren. Ich würde deren Kernkompetenz beim Handel über das Netz sehen. Und aus dem Kernbereich bewegen sie sich auch kaum weg.

  6. korrekt. Google fehlt in der Marken-DNA schlicht die Kompetenz für social. Um nich mal hier ( http://off-the-record.de/2010/02/10/8-gruende-warum-google-buzz-keine-killer-loesung-ist/ ) zu zitieren. Netzwerke entstehen eben nicht aus einer technischen Idee heraus, sondern aus dem Spirit eines Community-Kerns.

  7. Ach, es gibt auch europäische Beispiele für erfolgreiche Mischkonzerne (Siemens, ThyssenKrupp, Evonik). Ich denke, eine Grundregel ist da schwer abzuleiten, dafür kommt es immer zu sehr auf den Einzelfall an. In der Betriebswirtschaft sind die Vor- und Nachteile (Risikostreuung vs. Reibungsverluste etc.) wohl bekannt – der Trend läuft mal in die eine, mal in die andere Richtung. Interessant, wenn auch schon etwas älter: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,488754,00.htmlGoogle landet derzeit vielleicht mehr vermeintliche Flops als im langfristigen Mittel (Wave, Nexus), aber das ausgiebige Testen von Produkten ist ja auch eines ihrer Erfolgsgeheimnisse. Und wenn der nächste “Killer” dabei herausgekommen ist, redet über die Flops ohnehin keiner mehr.

  8. @oetting Über die Konzentration von Informationen an einer Stelle und die damit verbundenen Nachteile müssen wir uns wohl wirklich nicht unterhalten. Das interessante an Google ist aber, dass sie diese Informationen auf freiwilliger Basis bekommen und nicht wie z.B. es Regierungen pflegen in dem sie bestimmte Datenbanken als “verpflichtend” aufbauen.Die Freiwilligkeit bei der Weitergabe von Informationen ist allerdings getrübt durch die mangelnde Aufklärung über die Implikationen von Handlungen. Je einfacher ein Service funktioniert und je mehr Vorteile er bringt – Viral Expansion Loop? – desto weniger wird die Implikation einer Handlung in Frage gestellt. Das gilt für Google und das gleiche Prinzip wirkt im Grunde genommen auch bei Apple. Nützlichkeit bestimmt alles.Interessanterweise scheint Google an manchen Stellen die Nützlichkeit zur Gunsten der Technologie zu vernachlässigen. Das gilt primär für Wave. Einen einfachen Einstieg bietet Google nicht und auch den eigentlichen Einsatzzweck muss sich der Nutzer entweder selbst finden oder sogar bauen. Im Fall von Wave ist es aber vermutlich nicht anders intediert, weil die darunter liegende Technologie sehr viel interessantere Implikationen fuer Google haben wird.Bei Buzz – und ich habe es bisher nur sehr kurz über die mobile Variante auf meinem Nexus ausprobiert – soll es ja anders sein. Da hat Google gestern während der Pressekonferenz immer wieder betont, dass sie mit Buzz auf eine Produktivitätssteigerung abzielen. Sollte dies nicht nur ein leeres Versprechen sein bzw. auch außerhalb von Unternehmen wie Google zur nützlichen Einsatzzwecken führen, dann könnte Buzz ein interessantes Produkt werden.Und ich glaube, man darf Googles bzw. deren Produkte nicht nur an den reinen Nutzerzahlen oder Formen des Einsatzes messen. Es ist ein Technologieunternehmen, welches auch sehr viel über den Einsatz von bestimmten Technologien lernt. Deswegen finde ich auch den Vergleich mit Daimler nicht unbedingt passend. Was Google macht hat immer mit Informationsverarbeitung, -filterung und Suche zutun. Ob nun direkt oder indirekt, sie saugen immer mehr Informationen ein. Das ist kein zu breites aufstellen fuer mich, sie wollen immer noch das Gleiche wie vorher auch.

  9. Ach Quatsch. In der DDR gab es doch auch nur eine Partei für alle – hat doch prima funktioniert, oder? ;)

  10. @zeigor Wenn denn künftig aus Suche dringend “Social Search” werden muss, um relevant zu bleiben, dann hast Du wohl recht – dann versuchen sie nichts anderes, als ihr angestammtes Territorium zu verteidigen.

  11. Zwei Dinge:Ich habe mal die Biografie von Jack Welch gelesen, selbst GE ist seinerseits von jenem Ansatz sehr zurückgerudert. Und die erwähnten asiatischen Unternehmen sind IMHO weniger als Unternehmen sondern eher als Netzwerke zu sehen, die untereinander sich nicht viel bedeuten. Die ganze Div.-Welle der Achtziger scheiterte doch an mangelndem Kundenverständnis über einzelne Produktkategorien hinweg, Man dachte “Hey Ingenieure bauen Autos, die können auch anderes Ingenieurzeug bauen, das machen wir ab jetzt alles inhouse”.(ok, “inhouse” haben sie noch nicht genutzt)Google leitet gerade nicht DIE GROSSE Diversifizierung ein. Es fängt ja nicht plötzlich an, Baustatiksoftware herzustellen (obwohl es in seinen Servern sicherlich das erforderliche Wissen und unter seinen Mitarbeitern sicherlich einige dazu befähigte Köpfe hätte) Es bleibt doch mit im Grossen und Ganzen im Bereich Kommunikationsstromverwaltung, in dem es doch mit GMail ein Topprodukt hat/sehr gut aufgestellt ist, oder? Was ich eigentlich sagen will, Diversifizierung funktioniert, so lange man noch seine Kunden und deren wahre tiefste Bedürfnisse im Blick hat (Daimler-Benz&Daimler-Chrysler: FAIL, Siemens, die Endkundengeräte herstellen wollten: FAIL, Google: GO)Etwas könnte Google dennoch scheitern lassen. Sie bauen ihre Kommunikationsstromprodukte für Profis und ihresgleichen (so wie Gmail, das Vielnutzer begeistert), vergessen aber den DAU, so dass das “Chasm” nicht überquert wird. Ist aber unwahrscheinlich.

  12. don´t forget General Electric

Add Comment