Innovation verstehen.

Das Internet of Things ist zum ersten Mal so richtig in mein Bewusstsein gerückt, als Google das Unternehmen Nest gekauft hat. Es ging um intelligente Thermostate, und amerikanische Techblogs schrieben vom mitdenkenden Haus. Sie malten mir aus, wie ich den Arbeitsplatz verlasse, in mein Auto steige, dieses meine Stimmung erfasst und per Internet weitermeldet. Das Haus steuert dann Temperatur und Ausleuchtung so aus, dass es bestmöglich auf meine Gemütslage eingeht — in just dem Moment, in dem ich die Wohnung betrete.

Und ich dachte: “Was für ein Scheiß.”

Das dachte ich eigentlich immer, wenn irgendein Start-Up öffentlich mal wieder darüber fabuliert hat, wie sie mir mit neuer Technik das Umlegen dieses Lichtschalters oder den Nachkauf jenes Alltagsproduktes abnehmen wollen.

Was für ein Scheiß! Sollen wir alle enden wie die fetten Menschen in der zweiten Hälfte von Wall-E, in der sie — bewegungsunfähig geworden durch die extreme Verbequemlichisierung ihrer Umwelt — nur noch auf schwebenden Liegen abhängen und letztlich zu lachhaften Kreaturen geworden sind? Mich ärgert ja schon der Lichtschalter im Bad, der für sich entscheidet, wie lange die Lüftung im Bad zu laufen hat, nachdem ich lange das Bad verlassen habe — ohne mich zu fragen. Ich kann die Lüftung nicht selbst ausschalten. Das macht der Schalter ohne mich. Frechheit! Ich will selbst über meine Lüftung bestimmen! Was soll also erst werden, wenn irgendwelche mehr oder minder intelligenten Schalter über die ganze Wohnung bestimmen. Ist doch Quatsch!

So dachte ich, bis ich “bequemlichkeit / alles strömt” von diplix gelesen habe. Es passiert ja nicht oft, dass ein Text dazu führt, dass man eine relativ fest sitzende Grundhaltung aufgibt, aber das war so ein Fall. Mich hat der Eintrag sehr nachdenklich gemacht, weil ich durch ihn begriffen habe, dass mein Verständnis von Innovation vielleicht ein falsches war. Seine Kernthese steht direkt im ersten Satz: “der fortschrittsmotor nummer eins ist — bequemlichkeit.”

Klopapier.
Elektrischer Strom.
Messer und Gabel.
Das Rad.

Bei allen diesen Erfindungen hat sicherlich auch einer daneben gestanden und gesagt: “Was für ein Quatsch! Es ging doch bisher auch ohne!” Und alle sind letztlich nichts anderes als Bequemlichkeitserfindungen. “Ein Rad? Ein Wagen? Sei ein Mann und schlepp’ die Holzstämme auf Deinem Rücken auf den Hügel, Du Heulsuse!”

Ich habe relativ lautstark rumgetönt, dass ich neuerdings einen Tesla fahre. Nicht weil ich ein Angeber bin (hoffe ich jedenfalls), sondern weil mich bei der Elektromobilität ein missionarischer Eifer packt, den ich so ausleben kann. An dem Auto gibt es nun nicht nur Elektromobilität zu bestaunen, sondern auch viele kleine Dinge, die interessant sind und Spaß machen — ich kann den Schlüssel in der Tasche lassen, das Auto entriegelt sich, wenn ich in der Nähe bin. Und auch zum Losfahren kann der Schlüssel in der Tasche bleiben. Braucht das jemand? Nein. Aber es ist bequemer.

Ist es so viel bequemer wie “es gibt nun Toilettenpapier” bequemer ist als “es gibt kein Toilettenpapier”? Vermutlich nicht. Aber sollte man es deswegen nicht bauen? Wie kann man ermessen, ob eine Innovation wert ist, gebaut zu werden?

Wir haben ein Maß gefunden, um über den Wert von Innovationen zu entscheiden: will “der Markt” sie haben? Wenn genug Leute eine neue Sache profitabel wollen, ist es wert sie zu bauen. Nun sollte man fordern, dass wir als kritische und ökologisch denkende Bürger im Jahr 2015 einen weiteren Faktor dazu denken: Innovation ist dann nützlich, wenn genug Leute sie haben wollen und wenn sie den ökologischen Fußabdruck von Menschen mindestens nicht vergrößert und idealerweise verkleinert.

Auch vor diesem Hintergrund kann ich nur wenig gegen das “Smart Home” einwenden. Die Annahme, das intelligente Lichtschalter und Heizsysteme eher Energie werden sparen können als dass sie sie vergeuden, erscheint plausibel. Wir wissen das vom automatischen Getriebe im Auto. Es ist mittlerweile längst klar, dass Automatikgetriebe im Mittel effizienter schalten als die durchschnittlichen Handschalter — gerade die modernen computergestützten Automaten. Bequemlichkeit und ökologisch positive Wirkung kommen hier also zusammen.

Bis zum Text von Felix war meine implizite Annahme offenbar, dass es zwei Arten von Innovationen gibt: diejenigen, die “irgendwie wichtig sind” (bspw. ein künstliches Herz, um Leben zu retten) und eher “unwichtiger Kleinkram” hier und da (bspw. dass mein Auto mich beim Näherkommen erkennt und die Türen entriegelt). Und beim Kleinkram hier und da dachte ich immer, dass man diesen “Blödsinn” letztlich auch oft einfach bleiben lassen kann, denn es gibt doch die “irgendwie wichtigeren” Dinge, auf die man sich lieber konzentrieren sollte.

Nun stelle ich aber fest, dass sich diese Trennung nicht durchhalten lässt. Denn wir können nicht wissen, wohin uns eine neue Erfindung bringt, die auf ersten Blick “nur” Kleinkram ist oder “nur” der Bequemlichkei dient. Letztlich tun das so gut wie alle Innovationen, wie Felix dankenswerter Weise erläutert hat. Ich verfalle halt leider so wie viele andere auch dem Adamsschen Diktum, dass wir jenseits der 35 allzu leicht alles Neue ohnehin für Unsinn halten. Aber es kann niemand ahnen, ob der Chiphersteller des intelligenten Autoschlüssels nicht auch in 17 Jahren, nach seiner Fusion mit einer Biotech-Firma, basierend auf dieser Technik ein Implantat entwickeln wird, das Brustkrebs verhindern kann.

Natürlich entbindet uns dieser Umstand nicht von der Pflicht, über die ethisch-moralischen Konsequenzen von Innovationen nachzudenken. Senfgas kann man erfinden und seine katastrophale Wirkung im Krieg erkennen, und deswegen ist es dann durchaus legitim, es zu verbannen und zu verbieten. Bei Gentechnik ist die Sache schon ein wenig komplizierter. Damit muss sich eine Gesellschaft auseinander setzen. Idealerweise mit wenig Emotion und mit viel inhaltlichem Sachverstand (was auch ein Thema für einen anderen Blogpost wäre).

Der entscheidende Punkt ist aber, dass die Ablehnung nach dem “Ist doch Quatsch”-Prinzip ohnehin nie die ethisch-moralischen Konsequenzen einer Innovation betrifft. Ganz im Gegenteil ist sie viel unreflektierter, weil sie letztlich allzu oft von der Faulheit getrieben ist, das Thema vielleicht nur kurz oberflächlich zu betrachten — oder aufgrund einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber dem Neuen eine tiefere Auseinandersetzung zu vermeiden. “Ist doch Quatsch!” sagt sich deutlich leichter als “Hab keine Ahnung, was das bedeutet, ich muss mich kommendes Wochenende/kommendes Jahr/kommendes Jahrzehnt mal intensiver damit auseinandersetzen.” Vor Jahren schon staunte Björn Ognibeni immer wieder in gemeinsamen Gesprächen darüber, wie sonderbar es sei, dass grade deutsche Marketingleute neue Webplattformen erstmal spontan als Quatsch aburteilten, anstatt sich mit Neugier damit auseinander zu setzen. Und dann natürlich später hintendran sind, wenn eine Sache abhebt.

Innovation ist der Motor, der uns Türen öffnet, die gestern noch verschlossen waren. Das kann nie schlecht sein. Und das ist mir beim Nachdenken über diese Dinge klar geworden.

Ich werde über das Internet of Things keine abfälligen Reden mehr führen. Sondern häufiger denken “kann ich nicht beurteilen, da muss ich länger drüber nachdenken.” Und wenn nur, um mich nicht lächerlich zu machen, weil ich ja mittlerweile ein Auto fahre, das schon als “Internet of Things in Reinform” gelten kann.

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  1. links vom 30.10.2015 - 30. Oktober 2015

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