Ich tue nichts, denn das Internet ist wie Atemluft.

Surveillance

Vor einigen Tagen habe ich den Text “Die gelähmte Wut” von Meike Lobo gelesen. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich mir nicht eingestehen wollen, was sie in der Einleitung über sich schreibt:

Aber wenn ich ganz ehrlich mit mir selbst bin und ganz tief in mich reinhorche, dann teile ich auch die Apathie. Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich (…) mich nicht genug aufrege, um mehrere erboste Blogartikel zu schreiben. Dass es mir nicht den Schlaf raubt.

Die Beobachtung hatte ich wohl auch an mir selbst gemacht, war aber offenbar nicht ehrlich genug, mir das einzugestehen.

Auch meine “Entrüstung” ist irgendwie rational gedacht, sie findet in meinem Kopf statt. Sie erreicht nicht das Herz, den Bauch, führt nicht zu Blutwallungen, die mich in Aktivität treiben. Es entstehen vielleicht ein paar Tweets. Und eine Handvoll Blogtexte. Aber ich fühle sie nicht. Sie knallt nicht durch mein Nervensystem, sie wiegelt mich nicht auf.

Warum ist das so?

Die im Text genannten Gründe spielen sicher eine Rolle: das überwältigende Ausmaß der Überwachung und der von ihr betroffenen Systeme (“alles”), die anscheinende Vergeblichkeit der bisher vorgetragenen öffentlichen Kritik, und nicht zuletzt die in der Praxis überraschend unbedrohlich erscheinende Vorstellung von irgendeinem NSA-Agenten, der nun meine Browser-Historie und meine E-Mails kennt.

Letztlich ist der Zusammenhang bei mir wohl dieser: das Internet ist für mich ähnlich selbstverständlich geworden wie die Atemluft. Es ist da und Teil meines (Über-)Lebens. Ich benutze es manchmal bewusst gar nicht oder deutlich weniger, um irgendwo abseits meine Ruhe zu haben. Danach aber kehre ich zurück, um es wieder besonders zu schätzen. Wer schon mal mit einem Schnorchel getaucht ist, kennt das auch von der Atemluft.

Nun wird bekannt, dass genau dieses Internet – diese digitale kommunikative Atemluft, die unseren Erdball umschließt und uns bis vor kurzem noch riesenhaft und letztlich unergründlich erschien – von milliardenschweren Spionage- und Rüstungsetats mit einem erbsenzählerischen Netz an Überwachung durchsetzt ist. In der Analogie mit der Atemluft wäre das in etwa so, wie wenn wir rausfinden würden, dass unsere Atmosphäre seit Jahrzehnten durch ein enges Netz von Chemie-Satelliten mit beruhigenden Substanzen angereichert wurde. Die uns gefügiger machen, ohne dass wir’s wussten.

Wer kann da einfach aufhören zu atmen? Was kann man, im Alltag, anderes tun, als sich zu fügen und schlicht weiter einzuatmen, auszuatmen, einzuatmen … Und ein paar zornige Texte abzulassen, die sagen, dass das unerhört ist?

Die Satelliten (bzw. das Überwachungssystem) sind von einem Komplex aus privatwirtschaftlichen und politischen Akteuren erbaut, die in enger lobbyistischer Verschränkung auf postdemokratische Weise Entscheidungen treffen, welche vielleicht gar, ihrem Sinne nach, unser “Allgemeinwohl” im Auge haben (was immer das ist), und abseits der ursprünglichen Idee von Mehrheitsfindungen und öffentlicher Willensbildung entstehen. Während es uns allen, materialistisch gesprochen, vielerorts einfach “zu gut” geht und daher die Bereitschaft zur Revolte aufgrund fetter Ärsche in bequemen Sesseln bei vielen immer weiter verkümmert.

Wegen der unerhörten Ausmaße der Überwachungsmaschine, die so groß ist, dass sie das gesamte unfassbare Internet erfasst, sind diejenigen, die wissen, was das bedeutet, eingeschüchtert und verunsichert. Damit der Kopf nicht platzt, entsteht daraus wohl fast zwangsweise apatische Ruhe. Man kann dieser Gigantomanie letztlich nichts entgegensetzen. Denn sie betrifft unsere Atemluft des Alltags. Wir haben doch nur Blogs und Meinungen und ein Notebook! Und wir führen doch unser Leben damit, darin?!

Wir führen unser Leben in deren Maschine.

Und die andere Seite hat ALLES.

Und für die übrigen, die nicht wissen, was es bedeutet, das gesamte Internet auszuspionieren, hat sich ohnehin kaum etwas geändert. Denn für sie hatte das Internet auch vorher kaum ideellen Wert.

Das einzige Stichwort, das mir hin und wieder einfällt, ist “ziviler Ungehorsam”. Wir könnten eine Kampagne starten, in der wir alle Menschen dazu auffordern, in jeder E-Mail, in jedem Blogpost, in jedem Status-Update Begriffe wie “Terror”, “Bombe”, “System”, “auslöschen”, etc. zu nutzen. Um auf diese Weise die Filter der Überwacher zu verstopfen. Aber wie aussichtsreich erscheint das Unterfangen? Und wollen wir das wirklich? Werden die vielen Millionen Menschen, die noch gar nicht begriffen haben, dass das Internet einst ein Versprechen auf demokratisierende Atemluft zu machen schien, verstehen, warum sie in ihre E-Mails solche Begriffe einbauen sollen? Wir haben es hierzulande ja noch nicht mal geschafft, gegen ein Leistungsschutzrecht zu mobilisieren. Und wollen wir wirklich mithelfen, den zu verstecken, der die Begriffe nutzt und ehrlich meint und dann vielleicht wirklich irgendwo eine Bombe zündet?

Das Ausmaß der Unverfrohrenheit und des technischen Apparats ist so enorm, dass einem die Widerwehr in den Adern gefriert. Und zur völlig gelähmten, vielleicht gar amputierten Wut wird.

Kommentare

  1. Ich denke, deine Ausführungen und auch die von Frau Lobo, treffen es ziemlich genau. Was zur Demokratisierung führen sollte, wird nun für das Gegenteil verwendet. Und dieser Fakt lähmt uns.

  2. @Dormcritics Was gilt es also zu tun? Irgendeine Idee?

  3. Tja, ich weiß es ehrlich gesagt auch nicht.

    Boykottieren können wir es nicht, denn ohne Luft können wir nicht atmen. Aber vielleicht ist die “Verstopfungsrichtung” ein richtiger Gedanke. Aber dafür müssten wir viel mehr über die Funktionsweise von PRISM wissen, oder? Gleiches gilt für die Entwicklung einer Software, mit der wir unsere Privatsphäre besser schützen können. Wir brauchen also erstens mehr Informationen. Wir brauchen zweitens eine Software, mit der wir uns schützen können und wir müssen drittens sicherstellen, dass esnicht noch schlimmer wird (zum Beispiel mit einer europäischen Fassung von PRISM).

    Ich denke daher, der allererste und wichtigste Schritt muss ein massives Unterdrucksetzen der politischen Akteure sein. Womit wir wieder am Anfang wären: Wie machen wir das am besten?

  4. “Die uns gefügiger machen, ohne dass wir’s wussten.” – Eine unverhältnismäßige Überhöhung. Überwachung ist das eine. Aber die NSA hat weder meine Meinung oder mein Denken, noch mein Tun beeinflusst.

  5. Auf jeden Fall wird es nichts nützen, sich gegenseitig die Empörung zu bloggen und zu posten, denn das lesen ja nur wir.

    Ich fände es gut, zum Beispiel eine permanentes Treffen / Camp vorm BND oder Kanzleramt oder so zu installieren, damit es einen Kristallisationspunkt in der Realwelt gibt. Kann man dann immer hingehen und Plakate schwenken. Vielleicht werden es dann mit der Zeit mehr, es kommen Wasserwerfer und Kamerateams und die Nichtnetzgemeindebevölkerung kriegt auch was mit. Und plakatieren kann man auch, draussen. Es dauert zu lange bis zur nächsten Demo.

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