Ich habe die Antwort auf die EINE Frage!

Jeder, der in Deutschland als Fußgänger schon mal eine rote Ampel missachtet hat und einfach über die Straße gegangen ist, kennt das Erlebnis: andere Menschen, die an der Ampel stehen und geduldig warten (auch wenn weit und breit kein Auto kommt), werfen hasserfüllte Blicke. Sie würden am liebsten zuschlagen. Sie zischen Sätze wie “Wohl farbenblind, was?!” Am allerwahrscheinlichsten ist aber, dass sie den einen Satz rufen, der mit der Situation auf überlegene Weise umzugehen scheint: “Ja ist es Ihnen denn egal, was für ein Vorbild Sie für die Kinder sind?”

Der geduldig an der Ampel Wartende macht mir damit auf glasklare Weise deutlich, was für ein wahrhaft schlechter Mensch ich bin. Nur um ein wenig Zeit zu sparen, nehme ich gelassen in Kauf, dass Kinder künftig meinem falschen Vorbild folgen, bei Rot über die Ampel gehen und STERBEN werden! Der Sprechende ist auf der Seite des Rechts, der Moral, und zugleich schützt er aktiv unser kostbarstes Gut – die Kinder. Hat er erst seinen Satz gesprochen, kann er sich zurücklehnen in der Sonne seines Zorns und seiner Rechtschaffenheit. Mir dagegen bleibt als vaterlands- und rücksichtslosem Gesellen nichts übrig, als meine Schande einzugestehen, mich nach Hause zu schleichen und über meinen üblen Charakter nachzudenken.

Das ist natürlich großer Unfug. Der Zorn der Menschen an der Ampel hat absolut nichts mit Kindern und auch nichts mit deren Verkehrsverhalten zu tun. Denn Deutschland ist ja sonst keine besonders kinderfreundliche Nation. Wir bekommen hier ja auch kaum noch welche. Der Satz und der Zorn kommen ganz woanders her. Er bietet die einzig akzeptable Möglichkeit, mit meinem offensichtlichen Regelbruch umzugehen, ohne sich selbst als spießigen Regelbefolger zu begreifen. Denn niemand steht gern nutzlos an einer roten Ampel, wenn keine Autos kommen.

Aber wir Deutsche sind ein Volk, das sein Zusammenleben zu einem hohen Maß auf Regelhörigkeit aufbaut. Deswegen muss der Deutsche an der roten Ampel warten, denn das schreibt die Regel vor. So funktioniert unsere Kultur. Und das ist per se gar nicht wertend, sondern nur beschreibend gemeint. Es ist schlicht eine kulturelle Eigenart, die uns beispielsweise von Südeuropäern unterscheidet. Während in Italien oder Spanien der Austausch zwischen Menschen im öffentlichen Leben viel mehr durch Beziehung und Verhandlung geregelt wird (“Du bist ein Mensch, ich bin ein Mensch, lass uns drüber reden, irgendwie kriegen wir’s hin”), läuft in Deutschland erst einmal prinzipiell sehr viel über Regelwerke. Deswegen sind wir so gut im Organisieren und Strukturieren. Und deswegen sind die Südländer viel besser im Improvisieren. Das liegt nicht an den Genen, sondern daran, dass die Kulturen unterschiedlich organisiert sind.

Wenn nun ganz offensichtlich eine Regel missachtet wird, entsteht hierzulande sehr leicht Unruhe. Denn in einer Gesellschaft, die sich durch hohe Regeltreue auszeichnet, richtet man sich sein Leben danach ein, dass Regeln beachtet werden. In dem Moment aber, in dem jemand ganz eindeutig eine Regel vor aller Augen missachtet und dafür nicht bestraft wird, tritt Unsicherheit ein. Es stellt sich sofort die Frage, wieviele andere Regeln denn auch missachtet werden; ob das jetzt einreißt; wohin das nur führen soll. Mit anderen Worten: der deutsche Beobachter meines Vergehens erlebt innere Unruhe, oder gar: kognitive Dissonanz. Und diese muss sich einen Weg bahnen, sie muss abgebaut werden. Mir muss eine Bestrafung zukommen, sonst steht der Gesellschaftsvertrag auf dem Spiel. Und wenn die Staatsmacht das schon nicht tut, muss es dank der eigenen verbalen Aktivität des Betroffenen gelingen. Und so kann er nicht anders, er muss mir den Satz entgegen schleudern.

Seit Jahren grübele ich darüber, wie ich damit umgehen soll. Vor wenigen Tagen nun ist mir endlich die Antwort eingefallen, nach der ich so lange gesucht habe. Die mir erlaubt, den Spieß umzudrehen und dem Gegenüber die Unsinnigkeit seines Unterfangens klarzumachen: “Wenn Sie selbst so wenig Autorität haben, dass Ihr Kind irgendeinen wildfremden Menschen auf der Straße nachmacht, würde ich mir an Ihrer Stelle ehrlich Gedanken machen!” Man könnte den Satz auch ergänzen um: “Wenn Sie an einem Penner vorbeilaufen – haben Sie dann auch Sorge, dass Ihr Kind künftig darüber nachdenkt, auf der Straße zu schlafen?”

Einige Tage später habe ich einem italienischen Kollegen von der Sache erzählt. Der guckte mich amüsiert an und sagte: “Du hast einen sehr deutschen und ziemlich aggressiven Weg gefunden, um mit der Sache umzugehen.” Natürlich wollte ich wissen, was er an meiner Stelle tun würde. Er grinste breit und sagte: “Ganz einfach — ich würde die Person freundlich anlächeln und sagen: ‘Ach, gar kein Problem, ich bringe ihren Kindern gerne bei, wie man auch bei Rot gefahrlos über die Straße geht.’”

Kommentare

  1. Full #ack.

  2. my two cents: “Kinder brauchen auch schlechte Vorbilder”

  3. (eins meiner favorisierten Themen – komme gerade vom Herrn Bukowski)
    Erstaunlich daran ist, dass hauptsächlich in Deutschland Autofahrer glauben, eine rote Fußgängerampel verwirkte dem Fußgänger sein Recht auf Leben.

    Wenn man von Leuten beim Rotgehen angepöbelt wird ist meiner Interpretation nach die Ursache eine andere: NEID.

    Sie beobachten ein regelwidriges Verhalten und fragen sich selbst “Warum darf DER das und ICH NICHT?”

    Insgeheim wirkt wohl auch die Scham mit, weil sie natürlich bemerken, es geht gar nicht ums Dürfen, sondern darum, ob man es wagt, sich über eine Regel hinwegzusetzen. Die Regel erscheint in diesem Moment unsinnig (man kann ja offensichtlich rüber, obwohl rot ist) und konformes Verhalten ist damit auch unsinnig, das verstehen selbst Deutsche.

    An dieser Stelle entsteht nun der Neid: Der “Regelverletzer” kommt nicht nur früher an, er ist auch so mutig, unsinnige Regeln zu missachten. Der Pöbler hingegen traut sich nicht und gibt die Schuld dem anderen.

    Sinngemäß müsste man ihnen auf nette Weise erklären, dass sie dadurch doch gar keinen Nachteil haben: “Niemand nimmt dir was weg!” Das ist zwar logisch, aber der Neid verhindert rationale Einsicht.

    Eine real existierende Mutter erklärte mir aber einmal sehr vernünftig, dass kleine Kinder die Geschwindigkeit von Autos nun mal nicht einschätzen können. Deshalb soll man ihnen kein schlechtes Vorbild sein. Selbst ich sehe das ein. Seither renne ich nicht mehr bei Rot rüber, wenn an der Ampel Kinder stehen. Sonst natürlich schon.

    Ich muss daher immer sehr lachen, wenn in Kreuzberg am Schlesischen Tor ganze Gruppen in Nonkonformistenuniform, möglichst noch mit Bierflasche in der Hand, brav an der roten Ampel stehen bleiben, obwohl meilenweit alles frei ist.

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