Erläuterung zu meiner “zurückgezogenen” Unterschrift bei Carta.

Unter dem Text “Ein akademischer Fälscher kann kein Minister bleiben. Ein Aufruf” auf Carta stand ich bei Veröffentlichung zunächst als Mitunterzeichner, mittlerweile steht dort eine Korrektur, die besagt, dass ich Mitunterzeichner einer früheren Version dieses Textes war. Die Änderung möchte ich hier kurz erläutern.

Die Cause Guttenberg hat aus meiner Sicht zwei Seiten. Zum einen eine wissenschaftliche, zum anderen eine politische.

Zunächst zum wissenschaftlichen Aspekt: Ich ging und gehe davon aus, dass eine derart der Täuschung überführte Arbeit wie diejenige von Herrn Guttenberg nicht weiter als Doktorarbeit gelten darf. Es wäre ein fatales Signal für den Wissenschaftsstandort Deutschland, wenn Herr Guttenberg auch künftig als promoviert gelten sollte. Die erste Fassung des Textes, der jetzt auf Carta steht, hatte eine etwas anderes Ende – sie schloss damit, dass die Unterzeichner ihren eigenen Doktortitel so lange nicht führen wollten, wie Herr Guttenberg seinen behielt. Damit konnte ich mich voll und ganz identifizieren, denn ich bin davon überzeugt, dass ein Doktortitel absolut nichts mehr wert gewesen wäre, hätte Herr Guttenberg seinen behalten. An meiner Arbeit habe ich jahrelang gesessen, ich bin stolz darauf, diesen akademischen Meilenstein genommen zu haben, der Wert der eigenen Leistung wäre bei unverändert verbliebenem Titel des Verteidigungsministers deutlich geschmälert worden. Darauf hätte ich mit demonstrativem Nichtführen meines Titels gemeinsam mit den anderen Unterzeichnern hinweisen wollen.

Allerdings entzog Herr Guttenberg diesem Ansinnen selbst die Grundlage. Indem er schließlich unter hohem öffentlichen Druck anerkannt hat, dass seine eigene Arbeit nicht die Qualität aufweist, die eine Dissertation verlangt und entschied, den Titel von sich aus nicht mehr führen zu wollen, war meine akademisch begründete Sorge ausgeräumt. (Die Universität Bayreuth könnte nun noch darauf bestehen, es handele sich doch um ein doktorwürdiges Werk, aber davon gehe ich nicht aus.)

Damit kommen wir zum politischen Aspekt: Ich bin persönlich davon überzeugt, dass Guttenberg in einer verantwortungsvollen Rolle als deutscher Politiker nicht tragbar ist. Die früheren Probleme in seiner Amtsführung deuteten es an, sein Umgang mit der Plagiatsaffäre macht daraus Gewissheit: er hat weder das Format, noch die Reife, noch die Kommunikationsfähigkeiten oder Ernsthaftigkeit, die das Amt, welches er innehat, verlangt. Geschweige denn die Ämter, die er sicherlich noch anstrebt. Ich finde die Art und Weise, mit der er zunächst die Vorwürfe als absurd bezeichnet und sich später dafür wie für eine Bagatelle entschuldigt hat, in aufwühlender Weise opportunistisch und falsch. Max Steinbeis hat auf eindringliche Weise beschrieben, welchen schlimmen Pfad er durch seinen Umgang mit dem Problem einschlägt, einen Pfad, den ich heute morgen noch eher witzelnd auf Twitter ebenfalls öffentlich befürchtet hatte. Nach dieser Affaire wird sich Herr Guttenberg selbst und vor allem sein Blendwerk für politisch unverletzlich halten. Mit vielleicht fatalen Konsequenzen für unser Land. Das macht mich wütend.

Die Kollegen, die heute den Text auf Carta veröffentlicht haben, fühlen ähnlich und haben daher für sich die Konsequenz gezogen, dass sie ihre Forderung und ihre Entscheidung über das Führen ihres Titels auf das Amt selbst ausweiten. Das finde ich bemerkenswert und ehrenhaft. Meine Position ist allerdings eine etwas andere. Es gab jedoch Missverständnisse bei der finalen Abstimmung des Textes heute (ich war ständig in beruflichen Terminen), was dazu geführt hat, dass ich meine Position nicht ausreichend darlegen konnte.

Denn ich selbst sehe keinen Zusammenhang zwischen meinem Titel und dem Umstand, dass wir heute wissen, dass wir mit einem inkompententen Minister leben müssen. Einem Minister, den große Teile der Bevölkerung offenbar allein deswegen weiter unterstützen, weil er adrett aussieht, einen tollen Familiennamen hat, oder eine attraktive Frau. Aus den Werten, die er vertritt, kann sich die Unterstützung ja nicht speisen. Das Führen oder Nichtführen meines Titels hat jedoch zum einen mit diesem Thema nichts mehr zu tun, zum anderen würde es keinerlei Effekt haben. Denn die Macht darüber, ob dieser Minister im Amt bleibt, liegt letztlich allein bei der Kanzlerin. Und an deren Position, die offenbar nichts mit Werten, Idealen oder einem Anspruch an ihr Kabinett zu tun hat, und alles mit reiner taktischer und strategischer Machtpolitik, möchte ich meinen Titel nicht hängen.

Zusammenfassend: Ich finde, dass Guttenberg nicht mehr Minister sein sollte. Ich finde nicht, dass die Frage, ob ich meinen Doktortitel führe oder nicht, irgendetwas damit zu tun hat oder haben sollte. Daher habe ich meine Bitte an Lutz Hachmeister geschickt, die Änderung vorzunehmen.

(Bitte beachten: dies ist ein rein persönliches Statement, das nichts mit meiner Arbeit oder meinem Arbeitgeber zu tun hat.)

Kommentare

  1. Danke, Martin, für die differenzierte Betrachtung, die ich sehr gut nachvollziehen kann. Und jetzt gehe ich endlich mal auf Carta, um mir auch noch den Aufruf anzusehen :-)

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