Erklärt mir das Dschungelcamp, erklärt es mir!

Gestern habe ich getwittert, dass ich schon ein wenig übelnehme, dass “Ihr” mit diesem Dschungelcamp-Dreck wieder meine Timeline zuspammt.

Darauf schrieb @Pausanias:

Ich werde jetzt hier mal sagen, was ich dabei verstehe. Und ich bin echt neugierig auf Kommentare, in denen Ihr mir erläutert, an welcher Stelle ich irre:

  1. Es gibt zwei Sorten Menschen auf der Welt: diejenigen, die neugierig sind auf die Katastrophen in den Leben anderer, und diejenigen, die es nicht sind. Manche fahren langsamer, wenn es einen schlimmen Unfall auf der Autobahn gibt, um genauer zu sehen, was passiert ist. Manche hören genauer hin, wenn das Gebrüll der Nachbarn beim Ehestreit durch die Wände schallt. Andere wenden sich ab bzw. drehen das Radio lauter. Meine erste These: diejenigen, die Dschungelcamp gucken, sind dieselben, die beim Unfall genauer hingucken. Ich gehöre zur anderem Gruppe. Mir bereitet das Leiden anderer Unbehagen, Schmerz, genauer: es erzeugt Mitleid. Zu einem Grad, der es manchmal wirklich schmerzhaft macht.
  2. Kaum jemand mag sich eingestehen, dass er/sie sich gern am Schmerz anderer weidet. Aber weil die Promis, die mitmachen, das ja “aus freien Stücken tun — niemand hat sie dazu gezwungen!”, kann es nicht den Vorwurf geben, dass man sich am Leid anderer weidet, denn dieses Leid ist ja bewusst eingegangen, sie bekommen ja Geld dafür und Aufmerksamkeit, bla bla bla.
  3. Und weil Ihr so viele seid, denkt Ihr — oder redet Euch gegenseitig ein — dass es ja okay ist und ein popkukturelles Phänomen, und dass man sich darüber inzwischen sogar ohne schlechtes Gewissen öffentlich unterhalten kann.

So viel verstehe ich daran. Und finde das deswegen und weiterhin widerlich. Und wenn ich irre, dann wüsste ich jetzt gern, an welcher Stelle.

Nachtrag: wie es aussieht, findet die Kommentardebatte eher bei Google+ statt.

Kommentare

  1. Lieber Herr Dr. Oetting,

    Sie sprechen mir aus der Seele. Dafür vielen herzlichen Dank und noch einen schönen Sonntag.

    Mit farbenfrohen und :-) Grüßen, Ihr Opti-Maler-Partner,
    Werner Deck

  2. Ich möchte erstmal sagen: Mit meinem Tweet wollte ich selbstverständlich keineswegs sagen, dass ich selbst es verstünde. Und die Punkte, die Du anführst, sind ja auch alle richtig. Und trotzdem kommt es zu dem Phänomen, dass die Leute das gucken und lustig finden und vielleicht auch manchmal schockiert sind, aber so, wie sie in einem Horrorfilm schockiert sind. Und ich glaube eben nicht, dass alle diese Leute, die das gucken, kommentieren und vielleicht irgendwie lustig finden, nur völlig verblödete und emotional ausgebrannte Idioten sind. Und das ist das, was ich nicht verstehe.

    • Zusammenfassend also: Nicht ich verstehe es nicht, sondern Du. Du findest es irgendwie falsch und problematisch und guckst doch gern zu. Ich erklär’s mir so: weil manche Leute eben beim Unfall hingucken. Zu denen gehörst Du also offenbar auch, und das ist ja auch okay. Nur dass das auch noch öffentlich gefeiert wird, verstehe ich nicht.

  3. ich kann’s dir sagen, mein lieber:

    Auf der Basis klar abgesprochener und freiwillig akzeptierter Grundregeln gehen Menschen (allesamt mit dem “Showbiz” vertraut) in die Urwald, die sich dabei gleich mehrfach zu einer Attraktion machen (ähnlich eines Zirkus). Die Zutaten:

    - Fremde Leute auf einem Haufen, über lange Zeit, mit Profilneurosen, Stärken und Schwächen – Menschen halt. Kennt man aus Ferienfreizeiten.
    - rund um die Uhr beobachtet, aber für uns Zuschauer dankenswerter Weise sehr viel verdichteter präsentiert als zum Beispiel Big Brother (was ich nicht schaue).
    - Als wäre das nicht schon Show genug, werden diese fremden Menschen auch noch Extremsituationen durch Umgebung, Prüfungen, Hygiene- und Nahrungszustände erzeugt – wie gesagt, das weiß wirklich jeder vorher (außer Larissa, dieser Kommentar erschließt sich nur Zuschauern) und lässt sich freiwillig (man kann’s gar nicht oft genug sagen) darauf ein.

    Für den Zuschauer bringt das gleich mehrere Trigger erfolgreicher Fernsehunterhaltung zusammen:
    - Schadenfreude
    - Voyeurismus
    - Humor
    - Emotionen

    Das schafft sonst nur “Wetten, dass…?” (Nur ohne Humor.)

    Wenn man sich mal darauf einlässt (auch das ist ja zum Glück freiwillig ;) , entdeckt man faszinierende Veränderungen in der Gruppendynamik, in den Sympathiewerten einzelner Teilnehmer, man sieht Ungesehenes, vollkommen Absurdes, und ja: man kann nicht umhin, sich in die Lage der Leute zu versetzen, schlimmer ausgedrückt: eigene Abgründe in ihnen zu entdecken.

    Deshalb gestalte ich nicht meinen Abendplan nach der Sendezeit, aber es macht mir doch dermaßen Spass, dass ich es mir mit Freuden anschaue.

    Übrigens: Wirklich dramatisch und einen Aufschrei wert sind dagegen die Model-Shows, in denen jungen, unerfahrenen und naiven Mädels eine Banane vor die Nase gehalten wird. Vom sozialen Druck auf dem Schulhof bis zu psychischen Schäden – diese Sendungen sind widerwärtig und menschenfeindlich. Dagegen ist diese Dschungelveranstaltung eine Sonntagsmesse. Eine Sonntagsmesse, in der man keine Kinder anhand ihrer “Träume” bloßstellt. Das Dschungelcamp spielt mit offenen Karten.

    Abgesehen davon ist es beim Dschungelcamp egal, wie jemand aussieht, selbst was er im echten Leben darstellt spielt keine Rolle (ist sowieso meist nicht mehr viel ;) .
    Gewinnen tut der oder die, die sich über die 2 Wochen die Herzen erspielt hat.

    Man wird der Show nicht durch bildungsbürgerliches Drauf-herabschauen gerecht. Dafür legt es zu viele interessante Facetten und Geschichten frei, die auf andere Weise nicht dargestellt werden. Und mit interessant meine ich auch interessant.

    Das Dschungelcamp ist meine Lieblingsunterhaltung aus der Kategorie Trash-TV.

    Vielleicht gucken wir’s mal zusammen :)

    Wie geht’s Dir eigentlich? Ups, das ist was fürs Telefon. Ruf dich mal an, aber bitte die nächsten Tage nicht zwischen 22:30 und 23:30.

    Ciao,
    ingo

    • PS: erstens meinte ich “Ruf doch mal an”, zweitens liegst Du mit allen Deinen oben formulierten Behauptungen richtig. ;)

Trackbacks/Pingbacks

  1. Sich über das Dschungelcamp aufzuregen, ist verschwendete Energie. | Klaus Breyer - 19. Januar 2014

    […] verstehe nicht wieso man sich überhaupt noch über das Dschungelcamp aufregt. Martin Oetting tat das gerade. Was läuft, wird konsumiert. Was konsumiert wird, wird […]

Add Comment