Mein erfolgreichster Tweet aller Zeiten sollte Journalisten interessieren.

Am vergangenen Samstagmorgen saß ich neben meinem Vater im Auto und dachte über das völlig unpassende Wort “Asylgegner” nach. Und schrieb dazu den folgenden Tweet ins Internet:

Ich bin nicht viel Resonanz auf meine Tweets gewöhnt. Ich habe zwar über sechseinhalbtausend Follower, aber ich glaube, dass sich die meisten von ihnen für Marketing interessieren, und Marketingkrams gibt es von mir immer weniger auf Twitter. Ich schreibe (wenn ich denn schreibe) inzwischen viel mehr über Politik und über Kultur, und nur sehr selten noch über Marketing. Darum bekommen meine Follower wohl kaum noch das, was sie vielleicht mal von mir erwartet haben. Außerdem habe ich den Eindruck, dass die Interaktionsintensität auf Twitter in den letzten Jahren eh stetig abgenommen hat.

Dass mein obiger Tweet bis heute 492 Retweets und 605 Favs erhalten hat, macht mich deswegen einigermaßen platt. Ich finde ihn gar nicht so bemerkenswert — ich habe schon deutlich besser getextete Tweets geschrieben (die dann satte 3 Favs und 0 Retweets bekommen haben). Aber daran zeigt sich eben, was der richtige Text zur richtigen Zeit am richtigen Ort für Leute bedeuten kann.

Tweet Statistik

Und ich glaube, dass Journalisten ihn beachten sollten. Nicht, weil er per se superwichtig ist. Sondern weil er zeigt, dass die albernen Euphemismen, die immer und immer wieder für rechten Terror und rechten Hass in den Medien verwendet werden, die Leute verärgern. Wir müssen den Terror aus der rechten Szene und aus ewiggestrigen Teilen der Bevölkerung als das benennen, was er ist. Und endlich aufhören, freundliche Worte dafür zu finden. Wir brauchen eine klare Sprache in den Medien dafür, die deutlich macht, dass es sich hier um den Terror handelt, der dringend bekämpft werden muss — anstatt der endlosen Panikmache gegenüber dem islamistischen Terror. Der rechte Terror ist schon lange viel realer und viel bedrohlicher als alles, was islamistisch motiviert je bei uns passiert ist. Deswegen sollten wir endlich anfangen, diesen Terrorismus als solchen ernst zu nehmen — indem wir ihn vor allem auch so nennen.

Journalisten und Medienhäuser, die das ernst nehmen, könnten bei der demokratisch gesinnten Bevölkerung, die hinter unserem Rechtsstaat und seinen Werten steht, also ganz offenbar punkten. Mit Aufmerksamkeit und Solidarität. So wie mein kleiner Tweet.

Und bitte spendet bei der Initiative Blogger für Flüchtlinge!

Kommentare

  1. Ich möchte dazu einige Dinge zu bedenken geben: Die Vergröberung und Pointierung von Tatsachen und Argumenten ist natürlich ein bekanntes Stilmittel, das auch und vor allem Journalisten gut beherrschen. Natürlich ist dein o. a. Tweet cool, und deshalb wird er viel retweetet, weil es einfacher ist, etwas zu retweeten als es sich selbst auszudenken. Wahr ist er deshalb aber nicht. Mit dem Wort “Verfassungsfeind” werden Menschen bezeichnet, die Aktionen machen, die geeignet sind, unsere Verfassung zu zerstören. Mit Dingen nicht einverstanden zu sein, die in unserer Verfassung stehen, ist noch keine Verfassungsfeindschaft. Wer etwa Abtreibung als Mord sieht oder für sexuellen Missbrauch von Kindern die Todesstrafe für angemessen hält, mag zwar eventuell ein unangenehmer Zeitgenosse sein, aber das muss unsere Demokratie schon aushalten, dass es auch eine geistige Opposition zu Grundsatzfragen gibt.

    Derzeit gehen Schätzungen davon aus, dass 2015 etwa 800.000 Flüchtlinge zu uns kommen werden, das wäre rund ein Prozent der Bevölkerung. ich habe nirgends Anzeichen dafür gesehen, dass die derzeitige Flüchtlingswelle eine temporäre Angelegenheit ist, die bald wieder abebben wird. Gehen wir doch einmal davon aus, dass wir noch fünf, sechs, sieben Jahre einen solchen Ansturm erleben werden. Dann müssen entweder die Reichen im Land massiv von ihrem Reichtum abgeben (was sie nicht tun werden, eher hacken sie sich einen Arm ab), oder unsere Sozialsysteme brechen zusammen, die öffentliche Meinung kippt und die nächsten Bundestagswahlen werden ganz, ganz furchtbar.

    Ich habe den Eindruck, dass sich die Diskussion um das Flüchtlingsproblem (Ja, es ist ein Problem, denn diese Leute sind hier nicht willkommener las Schiffbrüchige auf einem Frachter, und sie wären auch nicht geflohen, wenn nicht furchtbare Probleme daheim sie dazu gezwungen hätten) viel zu sehr an Oberflächlichkeiten und Worthülsen abarbeitet. Niemand fragt etwa, wie die Städte und Gemeinden das schultern sollen, wenn sie jedes Jahr eine Stadt wie Frankfurt dazubekommen. Niemand fragt auch, wie es eigentlich sein kann, dass jeden Tag woanders ein Flüchtlingsheim brennt, und es sind noch keine Polizeipräsidenten und Innenminister wegen Unfähigkeit zurückgetreten. Niemand fragt, wieso etwa in Bayern die Polizei Kräfte hat, um im Grenzgebiet Jagd auf illegale Einwanderer zu machen (im Bayerischen Wald sind bereits die Knäste mit Schleusern überfüllt), aber nicht, um Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte zu verhindern. Niemand fragt, wieso eigentlich ganz viele Asylbewerber abgelehnt werden (ob man das nun richtig findet oder nicht), dann aber nicht konsequent abgeschoben werden. Man steht staunend vor der Vehemenz, mit der der Staat reagiert, wenn er von links herausgefordert wird (RAF), und wie sehr er versagt, wenn er von rechts herausgefordert wird (NSU).

    Ehrlich, gemessen daran finde ich die schlauen Bemerkungen in meiner Filterbubble, wie man was korrekterweise nennen kann, wahnsinnig wohlfeil.

    • Was den Begriff der “Verfassungsfeinde” betrifft, stimme ich zu. Das ist wohl richtig, was Sie dazu schreiben. Und die ungleiche Vehemenz des Staates gegen links vs. gegen rechts sehe ich auch.

      Ich weiß aber nicht, woher Sie Ihre Informationen zu den Belastungen haben — unser Sozialsysteme werden zusammenbrechen, wenn wir *NICHT* genug Zuwanderer in unser Land bekommen. Es gibt genug Beweise dafür, dass die Zuwanderer nicht nur nicht schaden, sondern dass sie uns voranbringen. Die stereotype Behauptung, dass sie alle unserem Staat zur Last liegen werden, wird nicht dadurch wahr, dass man sie ständig wiederholt.

      Ich freue mich darauf, dass wir ganz Europa zeigen werden, dass unserem Land der frische Zustrom von Menschen geholfen hat, unsere altersdemografischen Probleme zu lösen und weiter wirtschaftlich stark zu sein. Andernfalls wird unsere Bevölkerung nämlich schlicht weiter schrumpfen und die Rentner und wir alle werden verarmen. Das kann sich niemand wünschen.

      Dazu: 1% der Bevölkerung soll ein Problem sein? Wir haben nach der Wende den Zufluss von 16 oder 17 Millionen Menschen in die Systeme der damaligen Bundesrepublik verkraftet, da machen uns doch lumpige 800.000 keine Probleme. Die Analogie mit dem Frachter halte ich daher für extrem daneben. Auf dem Schiff Bundesrepublik ist eine Menge Platz. Wir müssen es nur vernünftig organisieren.

      • Ich hatte befürchtet, dass so was kommt. So wird es nichts mit einer Diskussion. Vorschlag: Einfach nochmal lesen. In diesem einen Jahr sind es 800.000. Und wie viele sind es im nächsten, übernächsten, drauffolgenden Jahr? Und ich denke auch, es ist völlig weltfremd, die Situation der Flüchtlinge mit der Wiedervereinigung zu vergleichen. Wie viele der 18 Millionen Zonis brauchten denn Obdach und Lebensmittelhilfe? Und was die Sozialsysteme angeht: Allein die Wiedervereinigung hat mich als Angestellter rund zehn Prozent meiner Altersvorsorge gekostet.

        So zu tun, als würden wir durch die Flüchtlingswelle nicht vor massive Probleme gestellt, ist im Grunde nicht viel intelligenter als das Mantra der rechten Deppen, dass die Flüchtlinge unser aller Elend sind. Sind sie hoffentlich nicht, aber damit das so bleibt, müssen wir alle viel tun. Und da reicht ein cooler Tweet nicht aus.

  2. Ja. Hammer. Beeindruckend. Du bist echt der Größte!!!

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