Ein alternder Shitstorm erinnert sich.

Neulich bin ich zufällig, eher aus Versehen, in weit entfernte und sehr dünn besiedelte Gebiete des Internets geraten – Gegenden, wo sich sonst vielleicht nur Kosmar rumzureisen traut. Dort hatte ich das einmalige Glück einer wirklich einzigartigen seltenen Begegnung: ein alternder Shitstorm, längst nicht mehr so furchteinflößend wie zu seiner aktiven großen Zeit, schon etwas müde in den trolligen Gliedern, fing zu erzählen an. Mir wäre er zuerst fast nicht aufgefallen, wenn er nicht so lautstark vor sich hingeflucht hätte. Er sah ein wenig abgerissen aus: die Captchas baumelten ihm wie Fetzen am Leib, er hatte einige Facebook Connect-Narben, und offenbar leidete er auch an ziemlich akuter Disqus-Allergie.

Ich war neugierig und fragte nach, was denn los sei. Ein Kommentar gab den nächsten, er war noch gut auf Zack, und am Ende rantete mir der arme Kerl seinen ganzen Frust von der Seele. Ich muss sagen, dass mich das schon beeindruckt hat. Selbst wenn ein Shitstorm alt und klapprig ist, kann er noch ziemlich Wirkung entfalten. Das ist eine Naturgewalt, das muss man sagen. Folgend kurz das, was er mir erzählt hat:

“ej alter. weisste noch damals, jamba und spreeblick? mann ej, da kannte hier in d noch niemand auch nur das wort shitstorm. aber der war schon echt ein ausgewachsener vertreter unserer feinen gattung. der großteil unserer familie ist ja mehr in englischsprachigen ländern zuhause, aber mit jamba sind wir dann wirklich zum ersten mal so richtig sauber hier an den start gegangen. harte fakten, gegner klar im blick, gutes thema, kinder ziehen immer, und mit dem johnny hatte der einfach auch einen top geburtshelfer. sowas startet dann halt amtlich durch. gutes lol. ich sag’s ehrlich: der war ein idol, ein held – für uns kleine shitstörmchen, die wir ja noch kein klares ziel im leben hatten.

oder nehmen wir vodafone, das ist mein neffe. der junge ging halt mal richtig gut nach vorne los, der hat – was die reichweite in der blogosphäre betrifft – einfach auch massstäbe gesetzt, das ist mal klar. bin schon mächtig stolz auf den kerl.

(Anmerkung: da hat er ein wenig feuchte Augen bekommen beim Erzählen.)

oder euroweb. grade wenn sich die harten freaks aus den foren verbeißen, dann wird da doch eine richtig große derbe gute sache draus. noch besser: wolfskin, mein schwager!  wenn so ein echt hartes gutes glaubwürdiges david-gegen-goliath-drama draus wird, dann ist schon das der ritterschlag für einen von uns. da hast du auch die presse an bord, da gehen alle gehörig ab, das ist doch wirklich die große party. feinste lulz. wenn einer von uns so abrockt, dann wird das popcorn ausgepackt und die stimmung ist top.

als sascha lobo dann auf der republica erzählt hat, wie man mit mir und den jungs umgehen muss, war das ein krasser tag. gut, der lobo übertreibt ja immer etwas, und manches, was der weinerlich als shitstorm bezeichnet, würd ich ja eher bei der pussymäßigen familie fartbreeze einsortieren. aber das war sichtbarkeit für uns. das war toll. dachten wir zumindest.

nur, was ist draus geworden? frage ich dich mal ganz ehrlich!

seitdem wir derart auf die agenda gesetzt wurden, ist doch alles, was an uns respektabel und furchteinflößend ist – was uns groß, stark und gut macht – komplett weichgespült worden! Die gentrifizierung der shitosphäre, sage ich dir!! was ist nur aus unserer gattung geworden, mann!! ich bin ja fast abgebrochen als ich gehört habe, dass wir der anglizismus des jahres sein sollen!!! von welchem jahr denn? 2011?! scheiß die wand an, da war doch kaum was?! heute wird doch bei jedem furz, der einem gehirnamputierten pr-berater so ganz sachte quersitzt, von einem shitstorm gefaselt! wenn ein feld-wald-und-wiesen-blog oder die nichtbeachtete facebook-seite einer völlig irrelevanten marke verkackte dreieinhalb negative kommentare von gelangweilten hausmännern bekommt, dann quasseln sich die einschlägigen beraterdeppen schon dusselig darum, dass das der nächste shitstorm ist! und sogar die medien tippern das pflichtschuldig ab, als wenn sie dafür bezahlt werden.

wie kann es sein, dass die ehre meiner familie so in den dreck gezogen, unser name so missbraucht wird?! was können wir denn dafür, dass wir in diesen zeiten kaum noch vernünftigen nachwuchs haben? ja was soll denn aus unserm guten nachwuchs werden, wenn eh keiner mehr bloggt, sondern stattdessen alberne bilder bei pinterest reinstellt und don alphonso weichgespült auf faz.net parliert?! es kotzt mich echt amtlich an, dass es mittlerweile zum guten ton gehört, in marketingkreisen von mir und meiner familie zu reden, als wenn wir ein freundliches dinner-konversationsthema wären!! es gab zeiten, da wurde nur heimlich, hinter vorgehaltener hand und vor angst von uns geredet!! was ist daraus geworden!!? was haben wir getan, um zum spielzeug von grenzdebilen marketingfuzzis zu werden?!”

Ich muss zugeben, dass ich die letzten Worte nur noch aus sicherer Entfernung hören konnte. Ich sag’s Euch: wenn man einem ausgewachsenen Shitstorm gegenüber steht, der anfängt, sich in Rage zu reden, dann nötigt das Respekt ab. Egal, wie klapprig er mittlerweile ist … Mit dem möchte man nicht wirklich aneinander geraten. Als er also anfing, so richtig in Fahrt zu geraten, habe ich es schon ein wenig mit der Angst bekommen und mich ganz vorsichtig davongeschlichen. Ohne ihm zu sagen, was ich so beruflich mache.

Aber eines weiß ich: seinen Namen, und den seiner Familie, sollte man wirklich nicht für jeden Quatsch missbrauchen. Das hat er echt nicht verdient.

Kommentare

  1. Sehr gut. Ebenso kritisch sehe ich es auch. Vor allem von der akademischen Schiene, wie auf meinem Blog nachzulesen ist! Ein schöner Beitrag, der viel Wahres enthält.Grüße

  2. Ob @klauseck das liest? Sollte er mal. Und was das Shitstörmchen angeht empfehle ich die aktuelle brand eins, die schön klar macht, warum die Relevanz solcher Fäkalwinde von Betrachtern und Teilnehmern vollkommen überbewertet wird.

  3. Hach, die guten alten Zeiten: als ein Shitstorm noch aufregend war! – Herrliche Gedanken von @oetting

  4. Hr. @oetting unterhält mit feinstem Storytelling, heute: der Shitstorm, eine aussterbende Gattung. (Er sagt alternd, aber das wird schon noch.) http://oetting.posterous.com/ein-alternder-shitstorm-erinnert-sich

  5. Wirklich schöne Geschichte…Ganz meiner Meinung – wir haben das mal am Beispiel FC Bayern mit Zahlen unterlegt http://www.crowdmedia.de/social-media-news/viel-larm-um-nichts-beim-fc-bayern

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