E-Mobilität im Praxistest: erste Kilometer mit meinem elektrischen Motorrad.

Warum in der Stadt nur ein E-Motorrad geht

Seit einiger Zeit träume ich davon, elektrische Mobilität ganz real in meinem Leben zu organisieren. Ein Elektroauto erscheint naheliegend, ist aber für jemanden, der mitten in der Stadt ohne Zugang zu einer Garage lebt, komplett unmöglich: ein Elektrofahrzeug muss eigentlich jeden Abend an die Steckdose. Man kann es nicht tanken wie ein Fahrzeug, das mit Benzin oder Diesel läuft – immer dann, wenn der “Tank” leer ist. Dafür gibt es zwei Gründe: zum einen ist die Reichweite dafür zu niedrig und die Ladezeit zu lang. Zum anderen sollte der Akku aus technischen Gründen entweder benutzt oder aber geladen werden. Ihn halbleer rumstehen zu lassen, ist nicht gut. Wer heute also sein Auto unter der Laterne parken muss, kann sich schlicht kein Elektroauto kaufen. Egal, wieviele Ladesäulen aufgrund irgendwelcher PR-Projekte irgendwo aufgestellt werden. Egal, ob’s ein Renault Twizy oder ein Tesla Model S sein soll.

In der Stadt wird das Fahren mit Elektroautos für die Mehrheit daher nur per Car-Sharing möglich, deswegen experimentiere ich damit ja auch. Die andere Alternative ist ein elektrisches Zweirad. Blödsinnigerweise sind die meisten Zweiräder auch nur mit fest eingebauten Batterien zu haben. Es gibt aber einige wenige, bei denen die Batterie entnommen werden kann. Für einen phlegmatischen 45 km/h Roller interessiere ich mich nicht – wenn, dann möchte ich am Verkehr nicht als Bremse oder Opfer teilnehmen … – daher sollte es ein Motorrad sein. Das einzige, welches ich mit entnehmbarer Batterie finden konnte, war die ZERO XU.

Note 1(-) für das Fahrerlebnis in der Stadt

Und seit letztem Freitag habe ich eine. Die Fahrten damit machen wirklich großen Spaß. Leider hat sie an der Ampel nicht den Antritt, den man sich vielleicht vorstellt. Ich vermute, dass die Elektronik so konfiguriert ist, weil bei richtig heftigem Anfahren der Akkuverbrauch sehr stark steigen würde. Daher wird das Anfahren leicht gedämpft. Dann aber, wenn man ab 20 km/h aufwärts unterwegs ist, kann man regelrechte Beschleunigungsarien hinlegen und ist innerhalb kürzester Zeit bei 80 km/h und mehr. Man ist also mehr als ausreichend motorisiert und hat ein echtes Motorradgefühl – d.h., dass man eigentlich immer vorn mit dabei ist. Nur ganz ohne den Lärm, das Motorengeheul, stattdessen nur mit einem dezenten Surren.

Das Motorrad ist sehr leicht und wendig, daher kann man sich enorm gut durch die Stadt bewegen. Ich fahre Zweirad, weil ich damit an Ampelstaus vorbeifahren kann. Und das geht mit der XU ganz hervorragend. Während die Automassen stinkend an den Ampeln stehen, gleitet man fast lautlos an ihnen vorbei und weiß guten Gewissens, mit Greenpeace-Strom getankt zu haben. Die Reichweite ist dabei – unter den oben genannten Bedingungen – mehr als ausreichend. Wenn ich 20 km quer durch Berlin fahre, ist ein gutes Drittel der Batterie leer (nach Anzeige). Das bedeutet, dass die von ZERO genannten 60 km durchaus realistisch erscheinen – zumal die Batterie mit der Zeit wohl noch etwas an Kapazität gewinnt, und ich besser ökonomisch zu fahren lernen werde.

Tacho

Was also das Fahren in der Stadt und das Fahrgefühl betrifft, gibt’s eine 1 (minus). Das Minus nur für die leichte Anfahrschwäche. Alles andere: perfekt.

Die Schwächen: Laden und kein Sozius

Kommen wir zu den Schwächen: ich muss ganz klar sagen, dass das Entnehmen der Batterie und das Laden bei diesem Modell alles andere als praxisgerecht sind. Das wusste ich vor dem Kauf, insofern ist es keine Überraschung. Mir war klar, dass ich hier nicht mit einer massentauglichen Lösung zu tun haben würde, sondern ein Experiment wagen würde. Das liegt im Entnahmekonzept der Batterie:

Das Motorrad ist nicht dafür konzipiert, dass man zum täglichen Laden die Batterie mit einem Handgriff entnimmt. Sondern es ist dafür konzipiert, die Batterie der Wettkampfversionen beispielsweise bei Rennen schnell auswechseln zu können, weil man weitere dabei hat. Konkret bedeutet das, dass ich:

a) eine Inbusschraube lösen,
b) einen Metallbügel entnehmen,
c) drei verschiedene Stecker lösen,
d) den 24 kg schweren Akku aus dem Rahmen wuchten und
e) diesen dann in den 1. Stock des Hauses schleppen muss, um ihn am dazu gekauften Ladegerät (dem gleichen, das auch ins Motorrad eingebaut ist) im Schlafzimmer wieder aufzuladen.

Battery
Ladegeraet

Mit anderen Worten: ich bin begeistert von der Idee “Elektromobilität” und dies ist die einzige Art und Weise für mich, ein Elektromotorrad zu fahren. Daher nehme ich von nun an für den Akku Mühen in Kauf, die ein normaler Kunde wohl nicht unbedingt so hinnehmen würde.

Eine weitere Schwäche ist, dass das Motorrad nicht vorsieht, dass man noch jemanden mitnehmen kann. Auch das wusste ich vorher, fänd es aber dennoch gut – allein, weil man auf diese Weise anderen das Fahrerlebnis vermitteln könnte.

Es gibt noch ein paar offene Fragen zur Bedienung – ich würde gern den Sitz anheben und gucken können, ob darunter Stauraum ist, habe aber noch nicht herausgefunden, wie/ob das geht. Und bislang funktioniert der Öko/Sport-Modus-Umschalter nicht, daher bewegt sich das Motorrad nur im Sport-Modus. Besser so als anders herum, der Sport-Modus ist für den Stadtverkehr der praktikablere, aber ich würde dennoch gern wissen, ob ich was falsch mache, oder ob der Schalter kaputt ist.

Fazit derzeit: das Fahren macht wirklich großen Spaß, im Umgang mit dem Akku brauche ich noch etwas Übung.

Kommentare

  1. Das hört sich alles ganz gut an. Für den Akku wäre es doch sicher eine nette Herausforderung, so eine Art Schnellverschluss zum einfachen Rausziehen zu entwickeln. Gehe ich recht in der Annahme, dass man einen ganz normalen Motorradführerschein dafür benötigt?

  2. @MMaschmann Ja, die Sache mit dem Schnellverschluss hatte ich mir auch schon überlegt. Im Sinne der “Lead User Innovation” kann ich den ZEROs das ja mal vorschlagen. :) Was für einen Führerschein man braucht, weiß ich gar nicht, ehrlich gesagt. Ich habe einen Motorradführerschein, habe mir also keine Gedanken gemacht.

  3. Zum Fuehrerschein: Die Einstufung hängt mit der Dauerleistung sowie dem Alter des Fahrers zusammen. Der Führerschein A1 ist gültig für Krafträder der Klasse A mit einem Hubraum von nicht mehr als 125 ccm und einer Nennleistung von nicht mehr als 11 kW (Leichtkraftrad), außerdem bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres bis zu einer max. Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h.Für alle Zero Modelle gilt: Leichtkraftrad/A1, da kein Modell eine Dauerleistung von mehr als 11 kW hat. Allerdings sind die Zero Motorräder schneller als 80 km/h, dürfen daher nicht von 16- und 17-jährigen Personen gefahren werden.Personen, die Ihren Autoführerschein vor dem 1.4.1980 gemacht haben, dürfen ebenfalls Zero Motorräder fahren, da ihr Führerschein das Fahren von Krafträdern der Klasse A mit einem Hubraum von nicht mehr als 125 ccm und einer Nennleistung von nicht mehr als 11 kW (Leichtkraftrad) umfasst. Zero Motorcycles empfiehlt diesem Personenkreis dennoch zu Übungszwecken einige Fahrstunden bei einer Fahrschule zu absolvieren.Gruss, Martin Driehaus, Marketing, Zero Motorcycles

  4. @Martin Danke für die Angaben! :)

  5. Witzig, dass der Batterielevel noch mit einem alten Tankstellenicon versehen wird. Erinnert an das Diskettensymbol für “Speichern”. Aber so ist das mit den neuen Techniken :-)

  6. Hallo Martin,lang nichts mehr voneinander gehört. :-) Geiles Teil, muss ich wirklich sagen!!Grüße!Moritz

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