Die letzte Papiergeneration.

Die letzte Papiergeneration

In den letzten drei Tagen habe ich meine Wohnung in Berlin für Untermieter bereit gemacht, die ab Juli darin wohnen sollen. Der Hauptteil der Arbeit bestand darin, mein Hab und Gut in zwei Gruppen einzuteilen: entweder musste ich die Dinge zur Einlagerung vorbereiten, oder aber dafür, sie nach Mailand mitzunehmen. Erstaunt habe ich festgestellt, dass ein Großteil der Dinge, die ich in Lagerung geben werde, hautptsächlich aus Papier besteht. Viele Bücher, eine Menge Aktenordner oder andere Papiersammlungen, die Vergangenheiten dokumentieren, von denen ich mich entweder nicht trennen will, oder die ich aufheben muss.

Mir wurde klar, dass dieses Festhalten an Papier künftig nur noch von wenigen Leuten gepflegt werden und schließlich völlig aussterben wird, denn wer mag heute noch Papier aufheben? Das, wofür Sascha Lobo in seinem Impressum recht deutlich Verständnis erwartet, erlebe ich selbst in genau derselben Weise: ich gehe mittlerweile nur noch sehr widerwillig mit Papier um. Ich habe regelmäßig akute Unlust, überhaupt noch in meinen Briefkasten zu gucken. Das Abarbeiten digitaler Post ist fester Teil meines Alltags, der Umgang mit Papier wird immer mehr zu einer unangenehmen Last. Kennt Ihr das Gefühl, einen Haufen Seiten Papier in der Hand zu haben, und Sekundenbruchteile darüber nachzudenken, wie die Suchfunktion funktioniert? Es gibt bei mir eine regelrechte physische Unlust, an das ganze Thema “Papierablage” überhaupt nur denken zu müssen. Bei Dateien tue ich mich da weiter weniger schwer. Jahrelang wurde behauptet, dass das papierlose Büro nie kommen werde. Bei mir ist es inzwischen (fast) Alltag. (In manchen wenigen Fällen lassen sich Texte auf Papier noch besser korrekturlesen. Aber das kommt selten vor.)

Dabei sehe ich an meinen Papierbergen, dass sie durchaus Vorteile haben. Sie altern. In einer Weise, die das Verstreichen der Zeit dokumentiert — Papier vergilbt, bekommt Ecken, die Schrift wird blässer. Man erkennt die eigene Handschrift oder die anderer Leute, was auf eine Weise persönlich ist, wie es das im Digitalen nicht sein kann. Papier speichert dabei sehr schön aufwärtskompatibel. Wer auf alte Dateien zugreifen will, stellt sehr schnell fest, dass er beispielsweise gar kein CD-Laufwerk mehr hat, um die Daten-CD lesen zu können. Bei Papier ist das anders. Das kann man auch in zwanzig Jahren noch aufschlagen und direkt loslesen.

Ach, vielleicht bin ich auch einfach nur melancholisch, weil ich mein Leben grade umbaue.

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