Die Finanzkrise verstehen – und darüber lachen!

schuldscheinWenn wir in den letzten Monaten und Jahren eine Sache über die internationale Finanzwelt gelernt haben, dann wohl diese: kein normaler Mensch versteht, was sich Banker in ihrem aberwitzigen die Welt umkreisenden Geschäft ausdenken und erfinden. Um immer noch größere Summen zu bewegen, immernoch wahnwitzigere Gehälter zu beziehen, immer noch größenwahnsinnigere Produkte zu produzieren. Und weil das so ist, braucht man eben genau dieselben durchgedrehten Finanzleute, um die “richtigen” Regeln für ihr Spiel zu erfinden. Die Politik blickt schon lange nicht mehr durch, und deswegen ändert sich auch nichts.

Ulf Schmidt (Twitter) ändert das. Für uns alle. Vor wenigen Monaten hat er ein Theaterstück geschrieben, das am vergangenen Donnerstag seine Uraufführung in München hatte. “Schuld und Schein – ein Geldstück” heißt es, und es leistet, was eigentlich undenkbar erscheint: die globale Finanzwelt auf erstaunlich unterhaltsame Weise so zu erläutern, dass man einerseits versteht, dass wir alle die Leidtragenden einer jahrhundertealten Verschwörung sind. Und dass man andererseits dabei einen extrem unterhaltsamen Abend erlebt.

Hinzu kommt eine Entstehungsgeschichte des Stückes, die nicht weniger bemerkenswert ist. Ulf wollte dem üblichen langwierigen Prozess der Theater-Verlage entgehen — sie brauchen üblicherweise ewig und drei Tage, um ein Stück auf die Bühne (meistens aber in die ewigen Schubladen) zu bringen. Darum hat er sein Manuskript kurzerhand auf Ebay an aufführungswillige Theater versteigert. Auf einer eigens dafür eingerichteten Internetseite konnte man das Manuskript herunterladen — kann man noch heute — und dann entscheiden, was einem die Sache für eine Erstaufführung wert ist. Das rege Münchner Metropol-Theater bekam für 55,00 € (!) den Zuschlag und hat nun einen wirklichen Knaller im Programm.

Die Inszenierung steht dem Text in ihrer knackigen Direktheit mit einem Feuerwerk an unterhaltsamen, anregenden, eindrücklichen Ideen in keinster Weise nach, sondern bringt das Stück mit sehr viel Spaß auf eine minimalistische Bühne, die allein mit schauspielerischem Talent und einigen sehr kreativen Requisiten auskommt. Wer mehr zur Aufführung lesen und Fotos sehen will, dem seien diese diversen Kritiken empfohlen.

Kurz gesagt: toll. Ganz toll. Denn Ulf hat nicht nur ein spannendes Stück geschrieben. Er demonstriert gemeinsam mit dem Metropol-Theater auch, wie die Theaterbühne sich aus dem gesellschaftlichen Hintergrund der verstaubten Traditionen mit einem Knall wieder ganz nach vorn in die politische Debatte spielen kann. Gemeinsam zeigen sie, dass das Theater heute Dinge für unser Zusammenleben leisten kann und sollte, die kaum noch jemand vom Theater für möglich gehalten hätte. Wir brauchen öffentlichen Streit und Auseinandersetzung zu den Themen unserer Zeit, und das Theater kann und muss dafür eine Rolle spielen. Hier tut es das!

Hiermit sei jedem, der in München wohnt oder deswegen hinreisen kann, ans Herz gelegt, sich die Sache anzusehen. Auf der Seite des Metropol-Theaters findet man die noch ausstehenden Termine. Anschließend kommt man bestens unterhalten und zugleich klüger und nachdenklicher aus dem Theater — und der eine oder andere hat danach vielleicht ein paar Fragen im Kopf, die er seinem Bankberater beim nächsten Termin gern stellen möchte.

(Zwecks Transparenz: Ulf ist ein Freund von mir, aber das spielt keinerlei Rolle für meine Einschätzung oben. Ich würde niemanden mit Begeisterung in ein mittelmäßiges Stück schicken, nur weil es ein Freund geschrieben hat. Im Gegenteil — wenn es sich um die Erzeugnisse von Freunden dreht, bin ich eher besonders vorsichtig mit Empfehlungen.)

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  1. Uraufführungs-Kritiken zu "Schuld und Schein" | Schuld und Schein. Ein Geldstück. - 19. August 2013

    [...] Hier die ganze Kritik. [...]

  2. » Uraufführungs-Kritiken zu “Schuld und Schein” Postdramatiker - 19. August 2013

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