Die enge Weltsicht der Social-Media-Fans (eine Replik).

Es gibt viele Leute grade im deutschsprachigen Web, die auf den Profilseiten ihrer Social-Media-Profile Formulierungen stehen haben wie “Passionate about Social Media”, oder “social-media-begeisterter Familienvater …”, “loving the social web”, oder irgendeinen anderen (meist englischen) Ausdruck, der vermitteln soll, dass diejenige oder derjenige mit voller Begeisterung twittert, facebookt, instagrammt, snapchattet, oder irgendwelche anderen Dienste mit viel Begeisterung in seinem Privatleben nutzt.

Und ich frage mich dann immer: ist das nicht etwas leer und traurig?

Warum? Ich habe natürlich nichts gegen die Nutzung dieser Plattformen. Ich nutze sie ja selbst, mit Begeisterung. Aber aus meiner Sicht erscheint daran sonderbar, dass “die Liebe zu Plattformen” per se ja erstmal eine komplett leere Sache ist. Sie sind ja eben genau das — leere Flächen, die wir mit Inhalten füllen müssen. Die Plattform an sich ist ja nur der Kanal, der Weg, das Instrument, um Gedanken, Ideen, Themen vermitteln, diskutieren, publizieren, bereitstellen zu können. Die Liebe zum Kanal ist in dem Zusammenhang ein wenig so, wie wenn jemand vor dreißig Jahren gesagt hätte “ich steh voll auf’s Telefon. Ich bin total passionierter Telefonist”. Da hätte man sich auch gefragt: sollte es nicht eher um die Unterhaltung gehen? Um den Menschen auf der anderen Seite? Um den Dialog mit Menschen? Und nicht um die Plattform?

In leicht vorhersehbarer Art — seine Position ist ja mittlerweile bestens bekannt — geht Thomas Knüwer mal wieder hin und disst als nicht für den Marketing- und PR-Job geeignet, wer nicht so social-media-begeistert ist, dass sie oder er es auch in der Freizeit betreiben muss. Und vergaloppiert sich in seinen wohlfeilen Analogien komplett. Er schreibt im Vergleich vom Werbekreativen, den privat keine Werbung interessiert, er schreibt vom Modedesigner, der sich privat nicht für Mode interessiert. Oder vom Chefkoch, der privat nur irgendwelchen Fast-Food-Fraß konsumiert. Hihi, putzig, da lachen alle. Na klar, so wollen wir als Marketers natürlich nicht sein! Also: ran an Social Media auch im Privatleben! Nur, der Vergleich ist ja Unsinn: wer in Marketing und Kommunikation arbeitet, hat natürlich auch einen zentralen Arbeitsinhalt, für den es sich zu begeistern lohnt. Aber hier kommt die Neuigkeit: dieser zentrale Inhalt ist nicht Social Media! Sondern er besteht darin, sich mit den Produkten oder Leistungen des eigenen Unternehmens zu identifizieren und für diese neue Käufer zu finden, neue Unterstützer zu motivieren, positive Wirkung auf die Marke zu haben, und ganz allgemein die positive Sicht auf das Unternehmen und seine Produkte in der Öffentlichkeit zu befördern. Das ist der Job. Und für den kann man sich als Marketer auch gern am Abend noch begeistern.

Klar ist: wenn man im beruflichen Kontext mit Social Media zu tun hat, sollte man das Thema ernst nehmen. Natürlich — es ist ein Arbeitsinstrument, das man verstehen, kennen, beherrschen muss, mit dem man vertraut sein muss. Der Gabelstaplerfahrer muss sich auch bestens mit seinem Gerät auskennen, denn wenn er es nicht tut, riskiert er Leben. Aber soll er deswegen am Wochenende auch Gabelstapler fahren, weil’s so wichtig ist?

Thomas macht dann noch einen zweiten unterhaltsamen Fehler — er teilt diejenigen, die das ablehnen, in nur zwei sehr enge Gruppen ein, andere gibt es für ihn nicht. Undenkbar erscheint ihm, dass es Leute geben kann, die weder “die Lapidaren” noch “die Demonstrativen” sind, sondern die schlicht sagen: “Jawohl, bei der Arbeit bin ich absoluter Facebook- und Twitter-Kenner, aber wenn ich zuhause bin, sind die wichtigsten Inhalte meines Lebens meine Familie und mein Hobby, und beides möchte ich nicht ins Netz tragen”. Denn wie gesagt: um Inhalte muss es gehen. Vor allem anderen.

Drittens redet er einer Idee das Wort, die aus meiner Sicht abgeschafft gehört: der These, dass Privatleben und Berufsleben auf jeden Fall in der digitalen Welt ineinander laufen müssen. Das mag bei ihm so sein, und bei allen anderen superschnellen Fortschrittshippstern, die sich keine Web-Konferenz entgehen lassen. Aber es gibt vermutlich eine Menge Marketingleute, die mit Bedacht und Augenmaß einen echt guten Job machen, indem sie die Instrumente des Social Web als das sehen, was sie sind: tolle Möglichkeiten, ihren Job zu tun.

Ehrlich gesagt glaube ich, dass diejenigen, die Facebook & Co. aus reiner Passion betreiben, im Berufsleben damit auch gern mal total daneben liegen können. Das Problem am Social Web ist ja, dass es sich bei der eigenen Benutzung der objektiven Betrachtung komplett entzieht. Wer im Social Web richtig aktiv ist, der sieht die eine besondere Facette des Webs, so wie es sich ihm präsentiert. Hätte ich bei meiner Arbeit bei trnd immer die Erfahrungen zugrunde gelegt, die ich persönlich im Social Web gemacht habe, wir hätten uns vermutlich sehr oft sehr arg vergaloppiert.

Zusammenfassend: wer in diesem Feld arbeiten will, tut gut daran, sich nicht von Leuten an der Nase herumführen zu lassen, die sich aus ihren eigenen Passionen und Vorlieben ein bestimmtes Weltbild zusammengezimmert haben, dem dann jeder entsprechen muss, der auch Facebook oder Twitter für seinen Job nutzen will. Entspannt Euch, Leute. Schaltet am Feierabend den Rechner und auch das Smartphone aus, geht nach Hause und macht andere Dinge, die ich Euch Spaß machen. Aber lasst Euch nicht einreden, dass Ihr Social-Media-Lovers sein müsst, um gute Marketers zu werden. Viel wichtiger ist, dass Ihr Themen habt, die Euch am Herzen liegen, für die Ihr brennt. Der Rest kommt dann von ganz allein.

Kommentare

  1. Martin, wenn Du mich zitierst, dann bitte richtig.

    Was die beiden Gruppen betrifft: Das ist meine Beobachtung.

    Vor allem aber, abstrahiere mal. Was würdest Du sagen, wenn ein FAZ-Redakteur äußerst: Ach, privat lese ich keine Zeitung und gucke kein Fernsehen.

    Wie würde das wirken?

    Was ich erwarte, ist ein eine bevölkerungsdurchschnittliche Nutzung – mindestens. Denn den Hauptgrund erwähne ich ja auch: Wer in einem analog geprägten und digitalskeptischen (und das sin die meisten) Unternehmen digitale Themen durchsetzen und seine nötigen Budgets bekommen will, der kann das nicht, wenn er das Thema für sein Privatleben für unwichtig erklärt. Das ist die brutale Realität der Wirtschaft.

    • Was habe ich den falsch zitiert?

      Ich finde, dass Du beim FAZ-Redakteur die falsche Frage stellst. Mich interessiert: über was schreibt er? Was ist sein Thema? Kennt er sich da aus? Wenn er über Politik schreibt, wie brennt er da? Wie tickt er? Er ist Motorjournalist — was für ein Auto fährt er? Interessiert er sich wirklich für Autos? Daneben ist für mich deutlich weniger relevant, ob er Zeitung liest. Vielleicht liest er ja großartige Bücher über Autos am Wochenende und kommt am Montag hochmotiviert zurück? Ohne andere Zeitungen gelesen zu haben.

      Ganz im Gegenteil sogar: ich habe das Gefühl, dass zu viele Journalisten nur bei den anderen gucken und abschreiben, als sich über das Thema Gedanken zu machen.

      Die These, dass man Social Media privat betreiben muss, ums im Unternehmen hinzukriegen — tja. Da denke ich halt, dass das Deine Sicht der Dinge ist, weil Du so lebst und arbeitest. Ich glaube aber, dass das auch zu einem manchmal zu rosigen filterbubbligem Blick auf die Dinge führt, der auch in die Irre leiten kann.

      Worüber wir nicht zu reden brauchen: dass Marketing-Leute sich heutzutage mit dem Thema auskennen sollten. Und zwar bestens. Aber ob sie es deswegen auch zuhause betreiben müssen … weiß ich nicht.

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