Demokratieglück, Demokratiemühe und gute Laune.

Donald Trump wird US-Präsident.
Fast die Hälfte der Österreicher ist bereit, einen hart rechten fremdenfeindlichen Kandidaten zum Präsidenten zu wählen.
In Berlin erreicht die AfD 14%.

Jahrzehntelang glaubten wir, dass eine freiheitliche, soziale Demokratie und Grundordnung eine sichere Sache sei. Dass die Bundesrepublik Deutschland sozusagen eine ganz natürlich funktionierende Demokratie geworden sei und bleiben würde — ebenso wie ihre Nachbarländer. Von den USA ganz zu schweigen. Und dass sich die ganze Welt in diese Richtung entwickeln würde. Wir glaubten, wir hätten eine Demokratiegarantie.

Das war ein Luxus und ein Glücksfall und ein Irrtum. Wir hatten Demokratieglück, jahrzehntelang. Und keine Garantie.

An Demokratien ist nichts natürlich. Es sind komplizierte Erfindungen, die ganz viel Arbeit und Mitwirkung erfordern. Umso mehr, wenn sie dazu auch noch auf überstaatlicher Ebene wie in Europa funktionieren sollen. Mittlerweile wird uns das immer deutlicher.

Ich weiß, dass viele Menschen derzeit hadern; sich fragen, wie es nur so weit kommen konnte und was es alles bedeutet; und dass manche wegen der neuesten Entwicklungen auch verzweifeln wollen.

Das halte ich für falsch.

Richtiger wäre aus meiner Sicht, zwei Dinge zu tun:

  1. Für all das, was in der Vergangenheit gut funktioniert hat, dankbar zu sein und anzuerkennen, dass es immer das Ergebnis harter Arbeit war — und kein Naturgesetz.
  2. Die Ärmel hochzukrempeln und den Kampf für die Demokratie wieder aufzunehmen. (Was übrigens damit beginnt, dass man Wahlergebnisse akzeptiert — auch und gerade wenn sie einem nicht gefallen.)

Die Zeiten der absoluten Selbstverständlichkeit gehen offenbar langsam vorbei. Alles fließt. Nun ist Demokratiemühe gefragt — in ganz Europa. Und das ist vielleicht auch in Ordnung so. Etwas, für das man sich nicht mühen muss, ist vielleicht zu wenig wert. Wenn wir aber merken, dass diese komplexen Gebilde verteidigt werden müssen — gegen globale Gier, asoziale Rücksichtslosigkeit, nationalen Narzissmus, angsterfüllte Fremdenfeindlichkeit und manchmal wohl auch gegen schlichtes Unwissen — lernen wir vielleicht wieder, sie zu schätzen, dafür zusammen zu halten und uns gemeinsam als Demokraten und als solidarische Unterstützer unserer Grundordnung zu begreifen.

Das beginnt heute im Alltag, überall. Wo wir gehen und stehen, können und sollten wir mit unseren Mitmenschen über Politik reden und damit gemeinsam politischer werden. Da, wo man direkt miteinander und unmittelbar im Leben zu tun hat. In den letzten Tagen staune ich, wie viele Menschen sich das richtiggehend wünschen. Ich hatte vergangene Woche mit einem Rechtsanwalt zu tun. Vor einem Jahr noch wäre unser Austausch nie groß über das Geschäftliche hinausgegangen. Nun kam unser Telefonat auf die Politik, weil ich kurz mein Projekt „Kaffee & Kapital“ erwähnt habe. Da konnte er gar nicht an sich halten — es sprühte nur so aus ihm heraus, mit Passion und Nachdruck sprach er über seine Sicht zur aktuellen Lage. Das Gleiche passierte mit einem Makler, der mir eine Wohnung zeigte — das Gespräch kam auf die Politik und auf die Frage, wie und woher wir unsere Nachrichten beziehen. Auch dort sofortiges intensives Interesse am Austausch.

Die Menschen sind bereit, sich wieder für die Demokratie einzusetzen. Sie sind offen für Gespräche und für die Diskussion. Hören wir also auf, vor uns hin zu verzagen — reden wir miteinander und nehmen wir die Herausforderung an! Und zwar mit guter Laune, denn wir kämpfen einen guten Kampf.

(Crossposting von meiner Facebook-Seite “Kaffee & Kapital”)

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