D64 – ein Verein wird erwachsen.

D64 MainzAm vergangenen Wochenende bin ich nach Mainz gereist, um dort die Klausurtagung und Mitgliederversammlung des D64 mitzuerleben. Durch meinen relativ unruhigen Lebenswandel — hin und her zwischen München und Mailand, dazu ständige zusätzliche Reisen, immer im Auftrag von trnd — habe ich mich in den letzten drei Jahren leider nicht mehr recht an den Diskussionen und Projekten von D64 beteiligen können. (Zudem auch deshalb, weil ich Facebook nur sehr passiv nutze und bei dem Treffen erfahren habe, dass die Facebook-Mitgliedergruppe mittlerweile das primäre Diskussionsforum des Vereins geworden ist …) Um hier den Faden wenigstens ein klein wenig wieder aufzunehmen, bin ich also nach Mainz gereist.

Wir trafen uns im Alten Weinlager im Zollhafen Mainz, im Dachgeschoss einer Online-Agentur — vermutlich ein passender Ort, um über digitale Themen zu reden. Freitagabend begannen wir mit dem ersten Brainstorming zu den Inhalten der Klausur am folgenden Samstag. In der Vorstellungsrunde wurde zwar deutlich, dass der D64 leider immernoch einen zu großen Überhang an weißen männlichen Mitgliedern mittleren Alters hat. Andererseits aber gab man sich u. A. durch gezielte Quotierung grade bei den Wortmeldungen alle Mühe, den mitwirkenden Frauen mehr Gewicht zu geben. Wie wir mehr Frauen zur Mitgliedschaft ermuntern können, haben wir zudem eine ganze Weile diskutiert. Ich hoffe sehr, dass es dazu bald ein paar gute Ansätze und Projekte geben wird.

Ansonsten hat mir in der Diskussion gefallen, dass sich langsam aber sicher etwas mehr Gleichgewicht zwischen Nicht-SPD- und SPD-Mitgliedern einzustellen scheint. Auch wenn der D64 überwiegend von Parteimitgliedern mit dem klaren Fokus gegründet wurde, grade auf die SPD im Sinne einer besseren (Netz)politik einzuwirken, tut es einem derartigen Verein gut, wenn er nicht nur aus SPD-Mitgliedern besteht. Interessanterweise hat der harte Kampf des D64 gegen die unsinnige und grundgesetzverletzende VDS innerhalb der SPD offenbar auch Menschen aus anderen Parteien oder Nichtparteimitglieder dazu bewogen, beim D64 Mitglied zu werden. Weil sie gesehen haben, dass der Verein etwas bewegen kann und deswegen vielleicht noch mehr Unterstützung braucht.

Der Samstagmorgen bestand vor allem aus der Mitgliederversammlung. Bei mir sind besonders die Zusammenfassung von Nico Lumma zu den bisherigen Highlights des Jahres und der Bericht von Maxim Loick zu seiner Arbeit im Bereich Bildung hängen geblieben. Nico erinnerte an den Neujahrsempfang mit dem Streitgespräch zwischen ihm und Sigmar Gabriel, der die Sichtbarkeit des Vereins auf ein neues Niveau gehoben hat. Und er erzählte, welche erstaunliche Schlagkraft der Verein beim Kampf gegen die VDS entwickelt hat, obwohl letzten Endes “nur” 5-6 Leute wirklich aktiv die entsprechende Kampagne gefahren haben. Besonders die Initialzündung durch und harte Arbeit von Henning Tillmann daran wurde zudem mehrfach mit viel Dankbarkeit erwähnt. Und Schatzmeister Lutz Mache bestätigte noch einmal, dass grade dieser Kampf unsere Mitgliederzahlen im Nachgang fast verdoppelt hat. Maxim überzeugte dagegen vor allem durch seine feurige Begeisterung für alles, was Arbeit mit Jugendlichen im Bereich Tinkering & Software betrifft — es hat wirklich Spaß gemacht, ihm zuzuhören.

Danach gab es zwei Impulsvorträge: Peter Wippermann vom Trendbüro (Beitratsmitglied des D64) stellte uns seine Sicht auf die gesellschaftlichen Konsequenzen der Digitalisierung vor. Anschließend haben wir gemeinsam einige der Thesen diskutiert oder um eigene Beobachtungen oder Erlebnisse ergänzt. Danach präsentierte Heike Raab (Staatssekretärin im Ministerium des Innern, für Sport und Infrastruktur und IT Beauftragte der Landesregierung Rheinland-Pfalz, D64-Mitglied) den derzeitigen Stand der Entwicklung des neuen Jugendschutzmedienstaatsvertrages (JMStV). Sie hatte damit eine undankbare Rolle: unter lauter Webkennern ein Vertragswerk zu verteidigen, das von offenbar sehr netzfremden Menschen erarbeitet wurde … Aber so war es halt, und aus dem Publikum hagelte es einige Kritik. Mir fiel auf, wie durchzogen von Furcht und Angst der ganze Entwurf zu sein scheint — desaströs in Zeiten, in denen bei der Arbeit mit Jugendlichen vor allem auch der proaktive Umgang mit den Möglichkeiten der digitalen Vernetzung im Vordergrund stehen müsste. Aus Sicht des Vertragsentwurfes ist es unglücklich, dass er sich so wenig vom gescheiterten Vorgänger löst. Aus Sicht des Vereins ist es aber toll, dass wir die Möglichkeit hatten, unsere Kritik so direkt an eine aktiv daran arbeitende Politikerin loszuwerden.

Genau diese Möglichkeit war dann auch ein zentrales Thema in der Arbeitsgruppe, an der ich am Nachmittag mitgewirkt habe: um (Neu-)Mitgliederbetreuung ging es. Unter zweierlei Gesichtspunkten: Wie können wir einerseits öffentlich deutlicher machen, warum es sinnvoll ist, sich beim D64 zu engagieren? Und wie können wir denen, die bei uns eintreten, vom ersten Tag an richtig Lust auf aktive Mitarbeit machen? Letzteres erfordert jetzt erstmal ein wenig Fleißarbeit an unserer Website und bei der Entwicklung von “Willkommens-Routinen”, die unsere neuen Mitglieder an die Hand nehmen. Davon gibt es noch immer viel zu wenig, und das wurde auch von den anwesenden Neumitgliedern sehr deutlich kritisiert. Aber nun gibt es ein Team, das sich in den kommenden Wochen dieser Sache annehmen will. Und mir wurde klar, dass der Verein nun dabei ist, sich von einer ursprünglich kleinen Gruppe von (Netz-)Aktivisiten wirklich zu einem echten offenen Mitgliederverein zu wandeln. Dafür muss er erwachsen werden, und das wird er. Der erste der beiden Punkte dagegen wurde in der Debatte auch recht schön herausgearbeitet, und den müssen wir im Netz ebenfalls besser vermitteln:

Bei D64 sollten alle diejenigen mitmachen, denen es nicht mehr reicht, als Netz-Aktivistinnen und -Aktivisten allein auf Twitter oder Facebook rumzuheulen, sondern die einen größeren Hebel suchen, um wirklich Wirkung zu erzielen.

Und je mehr wir sind, desto größer wird unsere Wirkung.

Am Abend ging’s dann für viele von uns noch zu einer SPD-Party, die nur ein paar Schritte entfernt stattfand (und den Perspektivkongress am Folgetag eingeläutet hat). Danken möchte ich vor allem noch Lutz Mache und Sebastian Reichel, die bestens durch die Veranstaltung geführt haben. Und Erik Donner, der die Location organisiert hatte. Und natürlich allen, die dabei waren, weil sie den Austausch möglich und zu einem Erfolg gemacht haben.

Ich bin froh, letztes Wochenende in Mainz dabei gewesen zu sein. Und außerdem ein klein wenig stolz, den Verein damals mitgegründet zu haben. Und ich hoffe, dass ich künftig wieder ein wenig aktiver werde mitmachen können.

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