Ich habe diesen Zufall nicht verdient.

Für die meisten Menschen ist wohl nur sehr schwer vorstellbar, nicht sie selbst zu sein. Wir werden geboren und wachsen auf in der Haut, in der wir bis ans Ende unserer Tage leben. Und nicht nur das, auch die Gedankenwelt, die Kultur, die Sitten und Gebräuche unserer Umgebung werden uns sozusagen eingeimpft, werden Teil von uns — und so ist für uns selbstverständlich, dass wir eben genau die Person sind, die wir sind. Und niemand sonst. Ganz besonders geht das wohl den Menschen so, die ihre Heimat nie ernsthaft verlassen haben. Denn wer nie sehen, fühlen, verstehen und sich daran zu gewöhnen gelernt hat, dass jenseits der Berge, jenseits des Meeres, oder auch nur auf der anderen Seite des Flusses die Menschen so absolut selbstverständlich anders sprechen, anders essen, anders denken, der kann noch viel weniger begreifen, dass es alles nur ein riesengroßer Zufall ist. Und dass er oder sie selbst ganz problemlos zu denen auf der anderen Seite gehören könnte, mit anderen Ideen und Gedanken im Kopf und anderer Farbe auf Haut.

Dass ich als ich selbst grade in diesem Zug sitze, auf diesem iPad einen Text tippen kann, weder um Leib noch um Leben fürchten muss, ein heiles Elternhaus habe und keine wirklichen weltlichen Sorgen, ist nicht mein Verdienst, nicht meine Leistung, nichts, wofür ich mich brüsten kann, nichts, was mich besser oder wertvoller als andere macht. Es ist schlicht ein gigantischer kosmischer Zufall. Für den ich, wenn ich mir den Stand der Dinge ansehe, nichts anderes als unfassbar dankbar sein sollte. Und ebensowenig hat der syrische Flüchtling, die afghanische Asylsuchende, oder auch der an Hunger leidende arme Grieche irgendeine Schuld daran, in diese andere Haut hineingeboren zu sein.

Wenn sich nun jemand auch noch aufmacht, sein Umfeld zu verlassen, seine Heimat aufzugeben, seine Gewohnheiten und nahestehende Menschen hinter sich zu lassen und auf diese Weise seine äußere Haut so völlig von sich zu streifen – die uns doch so selbstverständlich und zu einem großen Teil erst zu dem macht, was wir sind – und zu uns kommt, um hier mit uns zu leben und bei uns ein menschenwürdiges Leben aufzubauen, dann habe ich gegenüber dieser Person nur eine einzige nicht anzweifelbare und kategorische Pflicht: sie willkommen zu heißen, ihr auf die Beine zu helfen, ihr ein Freund oder eine Freundin zu sein und ihr Würde zu geben.

Keine andere Art der Begegnung ist vermittelbar, erklärbar, begründbar oder erträglich – keine einzige. Denn wir alle — die Flüchtlinge, die kommen, und die Ansässigen, die schon hier sind — haben diesen Zufall mit nichts verdient.

Und darum unterstütze ich #BloggerFuerFluechtlinge – natürlich. Hier geht’s zur Betterplace-Spendenseite.

Kommentare

  1. Ein Gedanke, der mich beschäftigt, seit mein Vater mir erzählte, wie es ist, als Kind Flucht und Vertreibung zu erleben. Und wie schwer es war, als Flüchtling in Westdeutschland im Wirtschaftswunder anerkannt zu werden.

  2. Denke für den Beitrag, er spricht mir aus der Seele.

    Wir beklagen uns über 30°C im Sommer, aber verdursten nicht.
    Wir verdienen zu wenig, haben aber doch ein Dach über dem Kopf und den Teller voll.
    Wir wollen nicht zum nächsten Familientreffen weil es uns nervt, nicht weil wir 3000km entfernt in einem fremden Land sind oder die Familie gar bereits getötet wurde.

    Wir rennen zum Arzt wegen Burnout und können doch froh sein, wenn wir nicht verbrannt werden, z.B. wegen Religion, Hautfarbe oder Geschlecht.

    Wir regen uns über Asyl”mißbrauch” auf, während wir 2 Minuten später darüber reden, wie man die Solzialkasse / das Finanzamt / den “Fiskus” am besten betrügen kann.

    Wir regen uns auf über fremde Sitten und Kulturen in unserem Land auf und können nicht mal ein einziges “deutsches” Gericht kochen.

    Wir wollen unsere Werte schützen:
    Sonntags abends grillen?
    Oettinger Pils?
    Beethoven’s Neunte?

    Wir rufen “Ausländer raus!” bei der nächsten Demo und fliegen am kommenden Tag nach Mallorca.

    Wir sind deutsch.

    • In der Tat.

    • Tut gut zu hören, dass noch ein letztes Bisschen Menschlichkeit übrig ist auf diesem Planeten.

      Wir sind Mensch.
      Und wir bleiben es.

  3. Danke. So sehe ich das auch. Ich habe im Juli über den “Luxus meines Passes” gebloggt. Eine Situation mit drei jungen Asylbewerbern hat das ausgelöst – hat mir so deutlich gemacht, wie privilegiert ich bin, im Hier und Jetzt geboren worden zu sein.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Was die anderen sagen … | juna im netz - 23. August 2015

    […] habe diesen Zufall nicht verdient“, schreibt Martin hier und erklärt, warum er #BloggerfuerFluechtlinge […]

  2. Deutlich sein | Pia Ziefle | Autorin - 24. August 2015

    […] (2) omnipolis […]

  3. Schon mal was über Flüchtlinge gebloggt? › netzexil.de - 3. September 2015

    […] Ich habe diesen Zufall nicht verdient. | Omnipolis | Quelle […]

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