AOL-Redaktionsroboter: Alternativmeinung.

Mit viel Interesse habe ich den Text “AOL: Roboter sollen Redakteure steuern” bei MEEDIA gelesen. Der Grundton ist sehr kritisch. “Natürlich”, mag man spontan denken – es geht dabei ja darum, dass Menschen von seelenlosen Maschinen Aufträge bekommen und nicht mehr Herr ihrer Arbeit sind, es klingt nach Orwell und nach Schreckenvisionen von Schreibdrohnen, die durch kalte Maschinen gedemütigt werden.

Obwohl – wie “natürlich” ist das denn wirklich kritikwürdig? Vielleicht sollte man mal genauer hinsehen und sich in Erinnerung rufen, wer da schreibt: Journalisten schreiben da. Und sie zitieren andere Journalisten. Aus Sicht eines Berufsstandes ist es immer unangenehm, fundamentale Änderungen der eigenen Arbeitswelt zu akzeptieren. Neuerungen werden ohnehin gern kritisch beäugt. Aber vielleicht sehen wir das Thema mal aus einer anderen Sicht, aus der Sicht eines Internetnutzers? Nicht, weil das eine richtigere Sicht ist, sondern weil es eine andere ist. Und verschiedene Sichtweisen helfen ja häufig beim Denken.

Im Internet wird sehr viel Kram diskutiert. Manchmal bekommt “ein Kram” enorm viel Aufmerksamkeit, wird bei Twitter rauf und runter behandelt und auf unzähligen Blogposts wild diskutiert. Nur leider gibt es dabei oft nicht viele Fakten. Mal einen guten Brocken hier, mal einen feinen Gedanken dort. Aber kaum jemand hat die Zeit und Muße, sich mit dem arg diskutierten Thema so intensiv auseinander zu setzen, wie die Sache es vielleicht verlangt. Jetzt stellen wir uns vor, AOL und das bei MEEDIA beschriebene System erfassen solche Debatten. Und setzen jemanden darauf an, der sich mit der Sache auseinandersetzt. Der sich einen Tag Zeit dafür nimmt und mal guckt, was da denn eigentlich los ist. Der dem Thema die Aufmerksamkeit widmet, die man sich von den professionell betriebenen Medien immer mal wieder wünscht und die unterschiedlichen Fäden in einem feinen Text zusammenspinnt, der dann im Netz viel Aufmerksamkeit bekommt. Das wäre doch was? Da würde dann mal endlich das aufgenommen, was die Nutzer tatsächlich bewegt! Kein Chefredakteur, der allein nach Gutdünken entscheidet, sondern Algorithmic Authority”, die ein Thema setzt.

Die Schreiber dann nach den Werbeeinnahmen zu bezahlen und auf Masse statt Klasse zu setzen, wäre sicher keine gute Idee. Aber die Idee an sich ist meines Erachtens im Sinne eines aufmerksamen und gesellschaftliche Stömungen aufnehmenden Journalismus nicht so schlecht. Natürlich nicht als einziges Modell – aber als eines, das mithilft, eine Vielfalt journalistischer Stimmen und Themen zu organisieren.

Kommentare

  1. Ich bin etwas enttäuscht das es Algorithmen sind und keine roboter …. ich dachte große stählerne Metallroboter sagen den Redakteuren was sie tun sollen…

  2. Das wäre in der Tat großartig und müsste spontan verfilmt werden.

  3. aber ich muss zugeben ein algorithmus klingt wesentlich weniger innovativ… hat fast sowas evidenzbasiertes …als wenn ein Verlag online ankommt…btw ich halte die Enstehung Evidenzbasierter Systeme (z.B. Marketing, Werbung, Verlage, Medizin, usw. usw.) für eine sehr wichtige Grenztechnologie die alles durcheinanderwirft, die Werbeagenturen konkurrieren z.B. nicht mit online sondern mit überprüfbarer Wirksamkeit.Man kann das auf alle Bereiche beziehen, die Zeit des “Glaubens” ist vorbei. Ich ziehe mal dieses Zitat von edge.org zu Hilfe (Edge und Clay Shirky in einem Zitat! Ich bin wie der Zitiergott!)The overriding hope among Edge respondents is that our increased capacity to gather and analyze information will spark the rise of an “evidence-based” world. We see this already in the field of criminal justice, where people convicted on faulty “eyewitness” testimony have been freed thanks to DNA. In the future, respondents argue, the instincts and perceptions that inform so much of our political, legal and cultural decision-making will be replaced by hard facts.”We will learn more about the human condition in the next two decades than we did in the last two millennia, and we will then begin to apply what we learn, everywhere,” writes Clay Shirky of NYU’s Graduate School of Interactive Telecommunications Program. “Evidence-based treaties. Evidence-based teaching. Evidence-based industrial design. Evidence-based parenting.”Ach ja Demand Media und eHow halte ich trotzdem für blöde Spammer!

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