An Politiker, die einen europäischen Internetgroßkonzern fordern.

In den Debatten um Google, Facebook, die NSA, Spionage und Schlandnet kann man immer wieder erleben, dass irgendein Politiker (es sind immer Männer, ich habe sowas noch nicht von Politikerinnen gehört*), fordert, es müsse einen europäischen Internetgroßkonzern geben, der den Silicon Valley-Größen Paroli bieten kann. Da ich bei solchen Forderungen in den Medien nie sehe, dass diesen Leuten erklärt wird, warum das eine komplette Schnappsidee ist, schreibe ich das hier mal auf. Vielleicht finden deren Assistenten oder Referenten – oder wie die Menschen heißen, die für Politiker die Recherche übernehmen – diesen Text ja zufällig und geben das bei Gelegenheit mal weiter.

Es gibt aus meiner Sicht wohl nur einen Grund, warum Politiker meinen, dass eine solche Forderung inhaltlich Sinn haben könnte. Sie denken bei dem Thema offenbar an ein Vorbild, das wir alle kennen, nämlich ehemals EADS / heute Airbus. Für alle Politiker, die im Stil von “Den Amerikanern haben wir’s mit Boeing doch auch gezeigt, das sollte jetzt mit Google & Facebook ja wohl auch zu machen sein.” unterwegs sind, schreibe ich die folgenden Zeilen.

Die Analogie mit Airbus ist aus drei Gründen ein Irrtum.

Ein Konzern von Politikern für Politiker
Der erste Irrtum entsteht aus der besonderen Rolle dieses Konzerns — der größte Geldbringer für Airbus ist der Bau und Vertrieb von zivilen und militärischen Flugzeugen, hinzu kommt der Bau und Verkauf von weiterem Militärgerät. Militärische Flugzeuge und Geräte werden fast ausnahmslos von Regierungen gekauft, also ebenfalls von Politikern. Zivile Fluggeräte werden zwar überwiegend von privaten Fluggesellschaften gekauft, aber viele von ihnen waren früher Staatsbetriebe und sind immernoch eng verkoppelt mit regierungsnahen Kreisen. Mit anderen Worten: Airbus ist unter anderem wohl ein politisch geschaffener Erfolg, weil das Projekt von Politikern betrieben wurde, um Politiker zu bedienen. Bei Airbus bleiben diejenigen, die so einen Konzern politisch wollen, und diejenigen, die für die Leistungen dieses Konzerns bezahlen, unter sich. Daher kann man sich aus der Politik heraus den Konzern auch sehr schön so gestalten, dass er für die Politik — als Kunde — funktioniert.

Milliarden schaffen “Milliardenstrukturen”
Zweitens ist das Geschäft mit Flugzeugen und Waffen strukturell ein ganz anderes. Man braucht unfassbare Investments in technische Entwicklung, die sich teilweise nur mit Milliardenunterstützung stemmen lassen. Bei solchen Milliardensummen kann man dann auch fette Strukturen bauen, die mit Stäben und Räten und Vorständen und Administration und Benefits und Firmenwagen und allem anderen funktionieren, was die Politik kennt und wohl irgendwie händeln kann.

n=1
Drittens ist die Inspiration Airbus trügerisch, weil das Unternehmen meines Wissens nach (?) das einzige politisch gewollte europaweite Konzernprojekt ist, das überhaupt funktioniert. Und bei einer Stichprobe von n=1 sollte man ja bekanntlich immer sehr sehr vorsichtig sein.

Internetkonzerne dagegen werden nur groß, wenn sie drei ganz andere Voraussetzungen erfüllen:

Globales Consumer Marketing
Zunächst mal müssen sie bei Millionen Menschen in möglichst vielen Ländern auf der ganzen Welt gut ankommen. Und diese sind in der alles überwältigenden Mehrheit keine Politiker. Wie man ein Produkt an Millionen Menschen auf der ganzen Welt erfolgreich vermarktet, weiß kaum ein Politiker.

Entrepreneurship “von unten”
Zweitens entstehen sie nur dann, wenn Menschen, die die entsprechenden Talente besitzen – unterstützt von anderen Menschen, die über entsprechende Finanzmittel verfügen – aus eigener Initiative heraus so hart an dem Projekt arbeiten, wie sie es nur tun, wenn sie es als ihr ureigenes Projekt begreifen. Ein Projekt, welches sie mit enormer Energie, mit Schweiß, Erschöpfung und Tränen zu einem Erfolg führen können, der die Welt verändern kann und der dann ihr ganz eigener Erfolg ist. Diese Projekte sind zwangsläufig immer eine Form von Ego-Vehikel. Solche Gründer glauben daran, dass sie in einer Art Schicksalsgemeinschaft mit einigen anderen Verrückten (ja, Verrückte müssen sie schon sein) eine Sache schaffen, die vielleicht die Welt verändert (oder doch zumindest die Online-Welt, und auf dem Weg dahin hoffentlich auch das eigene Bankkonto). Niemand verausgabt sich derartig für eine Sache, weil sie von der Politik als volkswirtschaftlich wünschenswert befunden und womöglich subventioniert wird. Wer Internetkonzerne baut, tut das, weil er sich großen Herausforderungen, dem globalen Wettbewerb und einem ganz eigenen Arbeitsumfeld stellen will – um dort einen ganz eigenen Erfolg zu erringen. Das allerletzte, was solche Leute wollen, ist, sich mit Politikern zu treffen, um darüber zu debattieren, warum denn noch immer nicht das deutsche Google entstanden ist.

Let a million flowers bloom
Und drittens sind sie eben nicht auf Milliardeninvestments in unglaubliche technische Entwicklung angewiesen, sondern diese Firmen entstehen dort, wo sich viele Millionen auf unzählige Beträge von $ 100.000 hier und $ 50.000 dort, und 2 Millionen da drüben verteilen, damit überall kleine “Pflanzen” dieser Verrücktheit blühen, aus der dann immer mal wieder und mit viel Glück ein globaler Superkracher wird.

Erfolgreiche Internetkonzerne entstehen also nur von “unten”. (Wobei “unten” auch sehr relativ ist – aber relativ zur Politik eben doch unten.) Man kann niemanden zu dieser Art Arbeit “von oben” gewinnen. Für diese Arbeit gewinnen Menschen sich auschließlich selbst. Damit ist jeder Versuch, die Schaffung eines erfolgreichen europäischen Internetkonzerns politisch zu fordern, von vornherein und automatisch zum Scheitern verurteilt. Es wird nicht funktionieren.

Diese Regel ist so hart und gnadenlos, dass selbst die Medienkonzerne überall auf der Welt – von denen zumindest manche unternehmerischen Geist selbst auch noch ein wenig kennen sollten – eigentlich nie in der Lage waren, selbst Interneterfolge hinzubekommen. Wenn schon Medienhäuser zu schwerfällig sind, um erfolgreiche globale Internetfirmen zu bauen, wie kann die Politik dann glauben, das zu schaffen?

Der einzige Weg, den die Politik hier gehen kann, besteht darin, Umfelder zu entwickeln, in denen diese Verrückten arbeiten können und wollen, fürchte ich. Und anzuerkennen, dass die Amerikaner uns gegenüber dabei einen satten Vorsprung haben, denn sie haben vor 60 Jahren angefangen. Und zudem haben sie eine Kultur, die den rücksichtslosen Versuch, kapitalistisch und unternehmerisch größenwahnsinnig zu sein, noch weiter anfeuert und auch beim Scheitern nicht verachtet, sondern sogar bei Misserfolg immer wieder eine Chance gibt.

Ich hoffe, es ist klar geworden, warum die Politik in diesem Zusammenhang getrost mit dem “Fordern” aufhören kann. Es verhallt ungehört und wirkungslos.

[* Nachtrag und Korrektur, Merkel selbst hat’s offenbar auch gefordert, damit also doch auch eine Politikerin.]

Kommentare

  1. Die Diskussion ist ja nicht ganz neu. Das mit Airbus habe ich neulich auch Lindner von der FDP sagen hören. Es ist technisch ohne weiteres möglich und wichtig für die digitale Souveränität diese Idee voran zu treiben. Was mir missfällt ist das ewige Ressentiment gegen den Standort und angebliche bessere Möglichkeiten in den Staaten. Dieser Sermon hat Bart. Russland und China haben gezeigt, dass es möglich ist, die offene EU Strategie ist dagegen leider gescheitert. Europa kann vor allen Dingen ordnungspolitisch Kontrolle sich erobern, und genau das sollten sie tun.

    • Das sehe ich anders. Es ist eben genau nicht möglich, die Entwicklung solcher Konzerne politisch voranzutreiben. Genau das geht nicht. Aus den oben geschilderten Gründen.

      Dass das in China geht, liegt meines Erachtens an einem in vieler Hinsicht geschlossenen Markt, der die lokalen Anbieter schützt und zugleich einem noch viel krasseren Wirtschaftsliberalismus als in den USA. Beides ist hier nicht machbar bzw. wünschenswert.

  2. Eigentlich haben wir mit den bekannten BigPlayern eine Kommunikationstechnik für die “eine Welt” : ein Google, ein Twitter, ein FB, ein Amazon, ein Ebay, ein Kleinanzeigendienst (auch Ebay) reichen eigentlich für den Bedarf. Weil eben ZENTRALISIERUNG bei der Nutzung solcher Dienste ein Vorteil ist, kein Fehler. In der Welt der Nationalstaaten und Privatunternehmen ist das allerdings ein Problem – und mit diesen Widersprüchen müssen wir eben leben. Eigentlich sollten diese Dienste “öffentliche Infrastruktur” werden – in der “einen Welt”, die aber wohl noch lange auf sich warten lässt.

    Was sollte denn die User motivieren, auf eine EU-Suchmaschine umzusteigen, womöglich erschaffen von so bräsigen Playern wie Toll Collect? Suchen ohne Tracking mit optimalem Datenschutz ist ja jetzt schon möglich, z.B. über startpage.com – gegründet von einem NewYorker (sic!), gekauft und weiter entwickelt von Niederländern.

  3. Nun ja. Die wahrscheinlich beste Suchmaschine der Welt ist auch von Politikern entwickelt worden. :-) Wir wussten es bloss nicht, bis Herr Snowden uns auf das Projekt hinwies. Die wirklich grossen Internetprojekte entstehen auch nicht dadurch das irgend jemand besonders viel arbeitet. Das ist eine sehr deutsche, also internetfremde Idee. Die grossen Projekte entstehen dadurch das jemand anders denkt als der Rest und dadurch neue Möglichkeiten entdeckt. Und genau damit, mit Leuten die quer denken, hat die Politik das Problem.

    • Ich habe ein wenig Erfolg mit einer Internetfirma, bin also nicht sicher, ob man mir internetfremde Denke vorwerfen kann.

  4. Das gab es ja auch schon mal vor ein paar Jahren als Millionengrab:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Quaero

  5. Würde ich in Berlin wohnen, käme ich nach dem BER-Desaster auch nicht auf die Idee erfolgreicher Wirtschaftspolitik. Sagt aber vielleicht nur etwas über den Blogger aus.

    Die amerikanische IT-Industrie wurde hochgradig durch den militärischen Komplex aufgebaut. Also Staatsknete. Ergebnis waren die Server von IBM und das Internetprotokoll TCP/IP. Der Unterschied entsteht erst im Marketing und den Zugriff durch zivile Unternehmen.

    In der ZDF heute show gab es kürzlich eine Reportage von einer deutschen Militärmesse, wo alle vor der Kamera flüchteten und die Biederkeit eines Physiklabors ausstrahlte. Im gleichen ZDF wurde eine Reportage über eine US-Militärmesse gezeigt: Messestände wie im Studio von Raumschiff Enterprise. Wohlgemerkt: Kunden sind in beiden Fällen die Militärs, also der Staat.

Trackbacks/Pingbacks

  1. An Politiker, die einen europäischen Internetgroßkonzern fordern | Carta - 4. Juni 2014

    […] Ich hoffe, es ist klar geworden, warum die Politik in diesem Zusammenhang getrost mit dem “Fordern” aufhören kann. Es verhallt ungehört und wirkungslos.   [* Nachtrag und Korrektur, Merkel selbst hat's offenbar auch gefordert, damit also doch auch eine Politikerin.]   Crosspost von Omnipolis […]

Add Comment