An die Musikverachter, die erklären, das “Album” habe sich überlebt.

Ein halbes Jahr lang hatte sie staubsammelnd bei mir rumgelegen, aber seit einigen Tagen höre ich fast schon obsessiv die Platte „Women And Country“ von Jakob Dylan. Ich gehe noch immer sehr gern und komplett old-schoolig zu Dussmann und kaufe mir dort physische mit Musik bespielte Datenträger, die ich dann händisch in meinen Rechner, iPod, etc. reinstopfe. So auch diese CD.

Das Album „Bringing Down the Horse“, das Dylan mit den Wallflowers eingespielt hatte, besetzt seit langem einen wichtigen Platz in meiner Musiksammlung. Der sparsame Sprechgesang vom Sohn der Legende gefiel mir von Anfang an, die geschmackvollen einfachen Arrangements der Stücke, ohne allzu nerviges Gitarrengeschraddel, trafen einen Nerv. Darum war ich auf die Solo-Platte neugierig. Aber sie schien mir beim ersten Hören etwas fad, ich fand keinen Einstieg. Drum blieb sie liegen.

Kürzlich hatte ich Bedarf nach neuer Musik. Ich hatte mich an Madison Violet sattgehört und brauchte neue Töne, die zum beginnenden Jahr gegen Chaos und Stress als Komplement und Hilfe wirken und mich auf Zugfahrten und Flugreisen begleiten. Drum fing ich wieder an, bei Women And Country reinzuhören. Beim zweiten oder dritten Hören blieb ich an „Everybody’s Hurting“ hängen – es hat einen Refrain, der gerade dann, wenn es mal nicht so läuft, daran erinnert, dass letztlich jeder, überall auf der Welt, an irgendetwas leidet. The human condition. Mit einem hypnotischen Groove und einem über weite Strecken zweistimmigen Gesang, der eine schöne Verbindung zwischen Fernweh und Heimat schafft.

Von da ging es weiter. Nach und nach, mit jedem Hören, entblätterten sich die unterschiedlichen Stücke als die kleinen Perlen und Diamanten, die sie sind, und die Zeit und Geduld brauchen, damit man sie als Hörer in ihrer ganzen Pracht erkennen kann. Und heute freue ich mich über fast jeden Song auf der Platte, entdecke noch immer viele neue Facetten und kann mich gar nicht satt daran hören.

Warum erzähle ich das hier? Weil es für mich auf eindrückliche Weise zeigt, wie mächtig und glückbringend ein gutes Albums ist. Gute Alben aber, so scheint es, sind aktuell alles andere als angesagt. Wohin man schaut, schreiben die “Kenner der Musikzukunft”, dass in Zeiten von iTunes & Co. das alte und von der Plattenindustrie erfundene “Format Album” seine Zeit hinter sich habe. Niemand wolle mehr zehn nutzlose Songs kaufen, zusätzlich zu den zwei oder drei Stücken, deretwegen man sich die Platte eigentlich gekauft habe. Das sei nun endlich vorbei, dank der digitalen Online-Welt.

Ich behaupte: wer so redet, der hört keine Musik, hat keine Ahnung davon, wie man mit Musik umgeht, und sollte lieber über andere Dinge reden. Ein gutes Album ist ein Geschenk, das zu erobern Zeit und Liebe kostet. Und diese Eroberung wird belohnt mit etwas, das es kaum irgendwo zu kaufen gibt: mit echtem Glück. Die Sammlung Musik wird ein echter Teil des Lebens, sie gehört genau zu dieser Zeit, nistet sich ein und bietet so viel mehr Facetten, als ein einzelner “Hit” eines Künstlers das jemals könnte. Obendrein: die Stücke, die man anfangs für die großen Knaller hält, verblassen irgendwann gegenüber den anfänglichen Mauerblümchen, die mit wiederholtem Hören plötzlich zu leuchten beginnen, heller als die “Anfangshits”. Ich bin gar nicht mehr sicher, ob mir “Everybody’s Hurting” wirklich immernoch am besten von allen Songs auf der Platte gefällt. Vermutlich nicht.

Natürlich ist es nicht leicht, wirklich gute Alben zu finden. Es gibt genug, die auch nach intensiver Beschäftigung nicht mehr als die zwei oder drei Stücke bieten, die das Hören wert sind. Nur: hätte man das vorher wissen können? Wie soll man, bevor man sich die Mühe des Erhörens gemacht hat, entscheiden können, wieviele Schätze man in einem Album bergen kann? Und dass nur dieser oder jeder Song den Download wert sind? Das ist die Arbeit des Musikhörers, sich mit der Musik auseinander zu setzen und auf diese Reise zu gehen. Für Musik ist nicht nur der Musiker verantwortlich, sondern auch der Hörer.

Ich hoffe, dass das Format “Album” uns nicht verloren geht. Das Musiker immer weiter denken werden als nur bis zum nächsten mp3 und auch künftig aus einem Dutzend Stücken Sammlungen erstellen, die insgesamt etwas zu sagen haben und die eine Stunde Glück schenken. Und nicht nur die schnell verblassenden “fünf Minuten” Hit.

Kommentare

  1. Ich bekomme für die letzten Jahre nur ganz wenige ‘Alben’ zusammen. Wenn ich an früher denke: da gab es nur ‘Alben’. Musiker, die länger als 3:30 Minuten etwas zu sagen (in Worten und Tönen) hatten.Vor Jahren schon machte ich mir Gedanken, daß ich hoffnungslos altmodisch sei, noch dem ‘Album’ hinterherzulaufen.(Und bei mir war es eher das ‘Am-Stück-einfach-mal-gute-Musik-hören-können, statt Radio-mäßig immer vorspulen oder switchen zu müssen.Hoffen wir also in diesem Sinne gemeinsam, daß Deine Bitte erhört wird, Martin.

  2. Du beschreibst deine Liebe zum Album-Format sehr anschaulich und nachvollziehbar. Allerdings gehöre ich als ex-Musikrezensent auch zu denen, die das Album-Format seit Jahren “für tot” halten. Das hat für mich viel mit dem Angebot der Musiker zu tun: Ich habe seit langer Zeit den Eindruck, dass sie lieber gute Singles (manchmal mit guten Videos) anstatt ein konzeptionell, atmosphärisch stimmiges Album veröffentlichen. Wenn ich kaum noch ein komplettes Album sondern nur noch einzelne Titel empfehlen kann – ja dann denkt man halt so. Und: Viele Alben sind einfach zu lang. Habe selten ein Album, dass länger als 45 min ist, komplett durchwinken können. :)

  3. @Frank Klar, wenn die Musiker selbst nur noch einzelne Songs veröffentlichen, dann ist’s schwierig mit den Alben. Aber ich denke, dass das Album an sich eine Kunstform ist, die bereichert. Darum sollte man nicht immer überall erklären, dass wir sie nicht mehr brauchen.Und dass es viele schlechte Alben gibt, die komplettes Zuhören verdienen, ist sicher wahr. Aber es gibt auch viele schlechte Gemälde.

  4. Dein letzter Satz ist gut. Aber du argumentierst auch sehr auf der ästhetischen Ebene. Der auch von mir konstatierte Niedergang des Albumformats hat viel mit veränderten Hörgewohnheiten zu tun.Seit ein paar Jahren höre ich dank Soundcloud u.ä. viel mehr Compilations, Mixes, Mixtapes und Podcasts. Und da landen ja nur einzelne herausgehobene Tracks/Songs von den Musikern. Und den YouTube/Vimeo-Fame bekommt ja auch nur der, der ein tolles Video veröfffentlicht. Per Facebook und Twitter werden auch nur einzelne Songs/Videos empfohlen, keine ganzen Alben. Per Hypem, Shuffler.fm und all den smarten Musik-Aggregatoren ebenso. Ganz platt gesagt: Die neuen Verbreitungsformen von Musik fördern noch extremer als die früher mal relevanten Single-Hitparaden den einzelnen Song. btw: Ich höre eher Elektronisches und HipHop – dort ist die Irrelevanz des Album-Formats sicher ausgeprägter als im, ähm, Indie-Rock. Irgendwie ist das aber auch doof: Wenn mich in den 90ern jemand nach toller neuer Musik fragte, nannte ich stets Alben. Jetzt fallen mir immer nur einzelne Tracks oder Mixes von eher namenlosen Selektoren/DJs ein. Vielleicht ist das eine Parallele zur Rezeption von Medien: Früher hatte man seine Lieblingszeitung – jetzt nur noch Lieblingsartikel, bzw. Lieblings-Autoren. Kaum einer liest doch noch online eine ganze Zeitung / Magazin sow wie man das früher mal mit “seiner” Spex machte….

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